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Karriere: Entscheidungen treffen
  von Gitte Härter
 

Manchmal möchte man am liebsten in die Zukunft schauen können: Soll ich meinen Job kündigen, weil ich unglücklich bin? Oder soll ich lieber noch aushalten, weil es sich besser im Lebenslauf macht? Soll ich die neue Stelle annehmen, obwohl sie viel Reisetätigkeit mit sich bringt – und ich eigentlich ja schon Wert auf mein Privatleben lege und auch für meine Familie da sein will? Ist ein Wechsel positiv für mein berufliches Fortkommen? Man hört immer, man soll mobil sein – aber wie viel mobil sein ist denn wirklich nötig? ...

Nicht immer ist es einfach, berufliche Entscheidungen zu treffen. Basierend auf Fragen, die an uns gerichtet wurden bzw. die wir aus dem Internet gehört haben, hier ein paar Tipps zum Thema.

 

Nichts überstürzen!

Sowohl, wenn Sie sich entschließen, die Ärmel in eigener Sache hochzukrempeln und sich beruflich zu verändern – als auch, wenn sich eine spontane Gelegenheit bietet: Am besten beraten sind Sie, wenn Sie besonnen an die Sache rangehen. Niemand erwartet von Ihnen, von jetzt auf die nächste Minute eine gravierende Entscheidung zu treffen. Und sollte das tatsächlich einmal der Fall sein, sollten Sie stutzig werden: denn wenn Sie jemand unter Druck setzt und versucht, zu überrumpeln, dann ist das nicht nur keine feine Art, sondern sollte Sie misstrauisch machen.

Besonnen heißt übrigens nicht, dass Sie ewig viel Zeit brauchen, um Für und Wider abzuwägen. Vielmehr geht es darum, mit dem Kopf voll bei der Sache zu sein: wichtige Informationen zusammenzustellen, Über- und auch Weitblick zu beweisen – und auch Ihren Bauch einzuladen, ein Wörtchen mitzureden.

 

Die Chance Ihres Lebens?

Immer wieder begegnen mir Menschen, die eine neue Stelle als "große Chance" sehen. Nachgefragt stellt sich häufig raus, dass dies in der Regel eine eher nebulöse Vorstellung ist: Zum einen passiert das häufig, wenn die Person in der aktuellen Stelle nicht so glücklich ist oder sich überfordert fühlt. Zum anderen, wenn die neue Position gut klingt.

Näher besehen ist das Ganze die eigene Interpretation. Hüten Sie sich – im eigenen Interesse – davor, eine mögliche neue Position in den Himmel zu heben. Eine Positionsbeschreibung alleine sagt noch nichts über die tatsächliche Praxis und das Umfeld aus.

Ein gutes Beispiel sind Positionen, die Reisetätigkeiten mit sich bringen: Ui toll, ich kann auf Geschäftsreise gehen – durch die Gegend jetten, in Hotels übernachten, komme aus dem Büro raus. Alles viel spannender und wichtig komm ich mir auch noch vor. Bei den meisten Menschen verdreht sich genau das, was ursprünglich den Reiz ausgemacht hat, zum Makel: aus dem Koffer leben, im anonymen Hotelzimmer übernachten und von der fremden Stadt in In- oder Ausland gerade mal ein Taxi und den Flughafen sehen.

Wichtig ist es, dass Sie sich – bei aller Aufregung und Freude über die Chance – auf dem Boden der Tatsachen bewegen: Trennen Sie Fakten und Informationen von Interpretation und Wünschen.

Es ist ein Unterschied, ob man "denkt, dass das eine große Chance für mich sein wird" oder ob man sicher ist, dass genau diese Stelle "die große Chance für mich ist".


Darum heißt es:


Konkret werden!

Am besten funktioniert das Konkretwerden, wenn Sie sich immer fragen: Warum?

"Ich glaube, das ist die Chance meines Lebens!"
Warum glaube ich das?

Die zweitwichtigste Frage ist:

Was weiß ich?
über meine eigenen beruflichen und privaten Ziele?
über die neue Position/das Unternehmen/den Berufsalltag/die möglichen Kollegen ....

Listen Sie für sich einmal alles auf, was Sie wissen. Möglichst konkret natürlich. Und merken Sie auch an, woher Sie dieses Wissen beziehen: Eine Versprechung im Bewerbungsgespräch? Ein eigener Eindruck? Eine Information aus dem Internet? Ein Mitarbeiter, der dort schon tätig ist? ...

Fragen Sie sich außerdem:
Was habe ich momentan – in der jetzigen Stelle? (beruflich und privat) Was könnte ich weiterhin "behalten", was müsste ich aufgeben?
Was würde an neuen Aspekten dazukommen?


Jetzt geht’s an die Zugeständnisse.


Zugeständnisse machen?

Würden Sie mehr Geld verdienen – aber mit weniger Freizeit rechnen müssen? Ist die neue Stelle ein schöner Einstieg in eine neue Branche, Sie müssten aber erstmal einen Gang zurückschalten? Ist ein Umzug damit verbunden? Hatten Sie bisher ein eigenes Büro und jetzt wäre es ein Großraum? ...

Sie sehen schon an den Beispielen, dass es wichtig ist, auch hier ins Detail zu gehen und in die Breite zu denken. Auf Basis der Fragen, die Sie sich eben schon gestellt haben, können Sie sich gut strukturiert entlang"hangeln":

Was ist Ihnen wichtig – und worauf möchten Sie keineswegs verzichten?
Wo machen Sie gerne Zugeständnisse? In welchem Rahmen?

Sehr wichtig ist es, hier nicht nur an den Beruf zu denken, sondern auch an Ihr Privatleben: an die eigene freie Zeit, an Freunde und Familie. Und zwar aus Ihrer eigenen Sicht, als auch aus der Sicht der anderen.

Beispiel: Mag sein, dass die neue Stelle, die Sie projektweise für einige Monate nach Russland verschlägt, eine Superchance ist und Sie hinterher in Ihrem Unternehmen befördert werden. Doch wie sieht es mit Ihrer Frau und Ihren Kindern aus? Die Entscheidung, egal wie vielversprechend das Angebot ist, über monatelang getrennt zu sein, betrifft nicht nur Sie selbst! Ihre Familie hat da sehr wohl ein Wörtchen mitzureden.

 

Wie ist das mit der Pro- und Contra-Liste?

Der Rat, sich alles, was dafür und dagegen spricht – und wo es noch Fragezeichen gibt – aufzuschreiben, ist ein guter. Dennoch tun sich die meisten Menschen sehr, sehr schwer mit "solchen Listen".

Aus zwei Gründen:

--> zu unkonkret
--> Selbstmanipulation

Bei ersterem Punkt helfen Ihnen die genannten Fragen bereits: Denn dann wird aus

 

 
+
-

- gute Chance/
weiterkommen

- ...

- Umzug nach Berlin


- ...

 


... plötzlich ein:

 
+
-

- gute Chance, weil:
eigenverantwortlicher Bereich
Personalverantwortung für zwei Mitarbeiter
vielseitigerer Aufgabenbereich als bisher


.
.
.

- Umzug nach Berlin:
relativ hohe Kosten (übernimmt Firma???)

erst Eigentums-
wohnung hier gekauft
Freundeskreis so weit weg

.
.
.



Selbstmanipulation" ist häufig im Spiel, wenn man EIGENTLICH schon weiß, was man möchte. Und dann versucht, die eigene Pro- und Contra-Liste so hinzubiegen, dass das Ergebnis dem eigenen Wunsch entspricht. Damit hat man dann vermeintlich eine durchdachte und objektive Lösung. Wichtig ist es deshalb, dass Sie neben konkreten Einzelpunkten auch richtig gewichten. Also nicht nur danach entscheiden, welche Seite mehr Einträge hat, sondern individuell gucken, welcher Art die Einträge sind und welche Wichtigkeit sie für Sie haben.

Deshalb ist es gut, wenn Sie die einzelnen Punkte anschließend bunt markieren: Wo brauchen Sie noch Informationen? Wo sind Sie total unsicher? Was ist Ihnen nicht so wichtig? Was ist Ihnen sehr wichtig? Was wären Alternativen?

Etwas weiter oben war bereits davon die Rede, dass Sie Ihren Bauch einladen, mitzureden. Einladen heißt, einfach mal auch hinhören, was Ihr Gefühl so sagt – und das auch ernst nehmen. Eine reine Vernunftentscheidung – die nicht im Einklang mit einem guten Gefühl steht, kann sich böse rächen. Wer kennt nicht die "Hätte ich nur darauf gehört"- oder "Ich hatte gleich so ein komisches Gefühl"-Situationen, die sich im nachhinein oft ergeben.

Deshalb: In sich reinhören – und dann den Kopf fragen, ob er das gute oder schlechte Gefühl etwas näher erklären kann. In der Regel funktioniert das ziemlich gut, wenn

--> man, wie oben beschrieben, konkret wird

und

--> sich selbst – mit Vernunftgedanken und "nur so Gefühlen" ernst genug nimmt und nicht versucht von Haus aus wegzudrängen oder zu – argumentieren.

 

No risk, no fun.

Klingt salopp, wenn es um Karrierentscheidungen geht, nicht wahr? Dennoch ist es einfach so, dass Sie im Leben keine Garantien haben. Sie werden nicht im Vorfeld wissen, wie sich Ihre Entscheidung auswirkt – und Sie werden auch nie im vorhinein alle Aspekte und Konsequenzen kennen.

Treffen Sie Ihre Entscheidung besonnen. Und dann heißt es: Freuen Sie, dass Sie die Weichen neu stellen und auf die weiteren Entwicklungen, die sich daraus ergeben. Unabhängig davon, ob Sie sich für die neue Chance – oder die jetzige Position entscheiden.

   
   
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