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Erste Hilfe bei Ausflipp-Tagen
  von Gitte Härter
 
 

Kennen Sie diese Tage auch, wo nichts so läuft wie es soll? Alles Mögliche bricht über Sie herein, jeder will ständig etwas von Ihnen, Termine sitzen im Genick - und von Souveränität und Tatendrang keine Spur: "Wie soll ich das schaffen?!", "Das klappt nie!!", "AAAAARGH!".

In solchen Situationen wird man leicht mutlos, fühlt sich überwältigt oder wird zum Ekelpaket. Ich möchte mich dann manchmal in mein Bett zurückziehen, die Decke über den Kopf ... lasst mich doch alle in Ruhe!

 

Decke über den Kopf geht oft nicht

Manchmal geht das sogar. Wenn ein Ausflipptag am Wochenende passiert oder wenn Sie selbstständig sind und sich Ihre Zeit prinzipiell selbst einteilen können, dann steht einer kleinen Auszeit nichts im Wege. Wenn das gerade nicht geht, dann tut es manchmal auch eine kleine Pause im Büro - schnell mal Kaffee holen - oder ein Spaziergang in der Mittagspause.

Ich möchte Ihnen heute gerne einige Tipps an die Hand geben, die nichts mit einer Pause zu tun haben. Obwohl das Abstand gewinnen, physisch und geistig, natürlich oft das ist, was am schnellsten funktioniert!

Manchmal geht eine sofortige Pause nicht oder Sie sind so gestresst, dass der Gedanke an eine Pause Sie nur noch mehr stressen würde.


Ein 3-Punkte-Plan bei akutem Ausflippen:

 
  1. Sie sind der Boss!
 

Regel Nummer 1, wenn Sie gerade am Ausflippen sind, ist, das Heft in die Hand zu nehmen: Sie bestimmen, wo's lang geht!

Der Hauptgrund für Überwältigtsein ist, dass uns die Dinge entgleiten - oder wir uns zumindest so fühlen. Das Gefühl der Fremdbestimmung und nicht in die volle Kontrolle zu haben, ist das Schlimmste! Denn dann rutschen Sie in die Opferrolle und werden zum Spielball.

Ich finde die Analogie zu einem Tennisspiel immer sehr erhellend: Wenn Sie mit einem starken Partner spielen, jagt der sie gnadenlos über den Platz. Vor ans Netz ZISCH, zurück an die Linie ZISCH, schräg links ZISCH, jetzt mittig ganz nach rechts. Tolles Spiel: Da hängt Ihnen in kürzester Zeit die Zunge raus und wenn Sie sich weiter gnadenlos dominieren lassen, möchte ich mal sehen, wie viel Freude Sie an diesem Spiel haben.

In der Arbeit ist es genau das Gleiche: Kein Mensch will gerne Spielball sein - weder von Leuten noch von Umständen.

Also: Handbremse reinhauen.

Das funktioniert besonders gut, wenn Sie es für sich selbst deutlich machen.

Sie können sich selbst zum Lachen bringen und sich vorstellen, wie Sie gerade wie ein aufgescheuchtes Huhn rumlaufen. Humor ist ein toller Bannbrecher, der Sie nicht nur auf Kurs bringt, sondern auch schnell im Kopf lockerer werden lässt.

Sie können auch einfach einen klaren Break machen, indem Sie vom Schreibtisch aufstehen, eine Moment-mal-Geste machen und bewusst ausatmen. Alles Aufgestaute mal rausatmen.
Ich finde es außerdem äußerst nützlich, mit sich selbst zu reden (können Sie auch in Gedanken machen): "Stopp! Was mache ich hier eigentlich?!"

 

 

 

  2. Seien Sie Ihr eigener Einsatzleiter.
 

Eine gute Analogie, wenn bei Ihnen gerade Feuer auf dem Dach ist, ist die "Triage". Wenn Sie in der Medizinbranche arbeiten, wissen Sie, was ich meine. Wenn nicht, haben Sie vielleicht in Emergeny Room öfter mal gesehen, was gemeint ist: Sie verschaffen sich einen Überblick über die anstehenden Dinge - unter Berücksichtigung der Ressourcen, die Sie zur Verfügung haben, und legen fest, was am dringendsten ist.

Wieso komme ich jetzt mit diesem Beispiel? Ich könnte ja auch einfach sagen: Überblick verschaffen und priorisieren. - Das mache ich schon mit Absicht. Ein Einsatzleiter bei einem Notfall ist genau das Bild, das Sie bei heftigen Situationen im Kopf haben sollten, nicht einfach typische Zeit- oder Selbstmanagement-Tipps.

Kraftvolle Bilder verleihen Ihnen sofort mehr Dynamik. Wenn Sie total am Ausflippen sind, wie wahrscheinlich ist es, dass Sie sich an irgendwelche "neutralen" Tipps erinnern oder sie anwenden?

Wenn Sie aber nächstens wieder am Ausflippen sind und zuerst an ein aufgescheuchtes Huhn denken, dann bewusst die Handbremse reinhauen und sich dann wie ein Einsatzleiter um die Sachlage kümmern - dann sind Sie in Nullkommanix wieder handlungsfähig!

Jetzt kann zweierlei passieren. Entweder Sie erkennen an dieser Stelle, dass Sie ohne Not ausgeflippt sind. Auch das passiert manchmal: Man steigert sich rein oder ist gerade nicht so gut drauf und macht aus einer Mücke einen Elefanten.

Vielleicht stellen Sie also fest: "Es stürmt gar nicht so viel auf mich ein, das-und-das ist gar nicht so dringend, das kann ich auch übermorgen noch machen." oder "Es ist nicht schlimmer als sonst, aber ich habe heute einfach einen schlechten Tag. Bläh!" Dann haben Sie schon gewonnen, weil diese Erkenntnis Ihnen den akuten Ausflippgrund wegnimmt und Sie dann vielleicht weiter rumgrummeln, aber nicht mehr aus Überwältigung.

Vielleicht haben Sie aber tatsächlich gerade Stress ohne Ende und allen Grund zum Ausflippen! Dann haben Ihnen der Überblick als Einsatzleiter und die "Triage" dabei geholfen zu erkennen, worum Sie sich unbedingt selbst kümmern müssen und wofür Sie Helfer einsetzen können.

 

 

  3. Rekrutieren Sie Helfer
 

Der Begriff "Helfer" ist sehr viel weiter gefasst, als wir oft denken. "Ich kann das niemandem geben!", "Ich habe niemanden, wem sollte ich was delegieren?" Helfen hat viele Aspekte:

- delegieren
Welche Teile der dringenden Aufgabe - oder welche anderen anstehenden Aufgaben - können Sie an jemanden delegieren? Schreien Sie nicht gleich auf! Klar hat man manchmal schwierige Aufgaben oder arbeitet alleine und hat auf den ersten Blick niemand. Aber ich sage Ihnen was: Die meisten Leute, die mit Kollegen arbeiten, haben einfach Paranoia vor'm Delegieren! Oder sie versäumen es, ihren Mitarbeitern oder Kollegen nach und nach Wichtiges beizubringen, um für Notfälle gerüstet zu sein (siehe auch: 5 Tipps zum Delegieren).

Wenn Sie alleine arbeiten, dann kann es sein, dass Sie etwas an Ihren Kunden "zurück"delegieren können. Gerade, wenn ein Auftrag kurz vor knapp kommt und superdringend ist, können Sie sagen: "Ich mache das Unmögliche möglich, brauche aber Ihre Unterstützung: ..." und dann sagen Sie ganz konkret, welchen Teil Ihr Kunde übernehmen kann. Ein Grafiker, der dringend eine Website für den Kunden erstellen soll, könnte sagen, dass er das Bildmaterial als Dateien im Format soundso braucht. Dann spart er sich die ganze Einscannerei.


- etwas abnehmen
Sie haben das Anstehende priorisiert. Abnehmen heißt, dass Ihnen jemand etwas zuarbeiten kann.

Sie können das Schreiben des Angebots nicht komplett delegieren? Okay, aber wie wär's, wenn die Kollegin in der Zwischenzeit den Vornamen und die E-Mail-Adresse des Kunden rausfindet? - Sie möchten unbedingt sicherstellen, dass die Präsentation stimmt? Wunderbar, aber würde es nicht helfen, wenn jemand schon mal die Rechtschreibkorrektur übernimmt? - Sie müssen gerade Troubleshooter für einen Kunden sein? Könnte Ihnen der Büronachbar in der Zwischenzeit die Post rechtzeitig zum Briefkasten bringen?

Abgesehen von den Aufgaben, die Sie auf diese Weise erledigt bekommen, selbst wenn es nur um Kleinigkeiten geht, profitieren Sie auch psychisch: Es nimmt Last, wenn jemand mithilft.


- cheerleaden
Unterstützung ist auch, wenn sich jemand um Ihre Stimmung kümmert: Ihnen einen Kaffee holt, gut zuredet, vielleicht bei der Organisation unterstützt, damit eine gute Dynamik reinkommt.

Wenn Sie keinen Cheerleader in Ihrem Umfeld haben, dann sorgen Sie zumindest dafür, dass sich die eigene Hektik nicht verstärkt. Ein aufgescheuchtes Huhn, das von anderen aufgescheuchten Hühner umgeben ist, wird noch fahriger.


- freihalten
Mit die wichtigste Unterstützung ist es, wenn Sie den Rücken freibekommen. Wenn Ihnen jemand für eine halbe Stunde oder einen halben Tag das Telefon abnimmt (aber dann nicht nur Rückrufe notiert, sondern in dieser Zeit auch alles soweit erledigt, was er erledigen kann).

Wenn Sie niemanden haben, können Sie auch die Technik zu Hilfe nehmen: Anrufbeantworter hingehen lassen, Handy ausschalten! Keine Panik, Sie müssen nicht andauernd erreichbar sein, außer Sie sind auf echter Rufbereitschaft. Lieber mal zwei Stunden Ruhe und vorankommen und dann den einen oder anderen Rückruf erledigen.

Sie können auch "Scheinurlaub" machen und die E-Mail-Abwesenheitsnachricht nutzen, bis Sie wieder Land sehen. Mehr zum Scheinurlaub hier.


- Zeit schenken
Schließlich können Sie Ihren Kunden - oder einen anderen Kunden - bitten, Ihnen Zeit zu schenken. Nicht alles, was ansteht, ist wirklich immer brandeilig (siehe auch: Klären Sie, was "eilig" bedeutet).

Oft denkt man, man müsse immer sofort springen - dabei ist es auf Kundenseite oft gar nicht so eilig wie gedacht. Wichtig ist nur, dass Sie nicht immer nur bei Ihren netten Kunden anfragen, ob Sie deren Auftrag hintanstellen können. Das kann passieren, wenn Sie sich mit jemandem besonders gut verstehen und darum keine Skrupel haben, gerade ihn um Aufschub zu bitten.

 
 

Sie sehen: Der Schlüssel liegt immer im Zurückgewinnen der Kontrolle!

   
   
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