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Ich könnte explodieren!
  von Gitte Härter
 

Es gibt Situationen, da steht man kurz vor dem Platzen. Wenn dann noch der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, dazu kommt, ist alles zu spät - man explodiert seinem Gegenüber ins Gesicht.

Die Neigung, schnell mal auszurasten, hat durchaus was mit der Persönlichkeit zu tun. Es gibt Leute, die generell emotionaler reagieren, schneller reizbar sind und das auch deutlich zeigen. Darüber hinaus gibt es aber verschiedene weitere Faktoren, die das Nervenkostüm beeinflussen, beispielsweise

- die persönliche Verfassung (Nerven, Gesundheit, in-sich-ruhen, ...)

- wie zufrieden man mit sich selbst ist und mit den Lebensumständen (privat, beruflich)

- wie aktiv man generell in seinem Leben handelt und Situationen "managt", mit ihnen umgeht - und eben auch offen Dinge anspricht

Tipp: Nicht zu unterschätzen ist übrigens auch die Ernährung! Wer sich schlecht ernährt, zu wenig oder in zu großen Abständen etwas isst, der ist oft auch reizbar und kann schneller aggressiv werden.

Wenn Sie also schnell auf der Palme sind und wenn Sie die Wörter "Ärger" und "Wut" häufig benutzen, dann sollten Sie sich auf jeden Fall die genannten Aspekte näher anschauen und nicht nur "Symptombekämpfung" betreiben.

 

Was tun, wenn's soweit ist? - Tipps


1. Die Auszeit

Es gibt Empfehlungen wie "bis 10 zählen" und erst dann reagieren - so gut dieser Tipp für einige Leute funktioniert, so wichtig ist es, sich einfach mal mit der Grundaussage dahinter auseinander zu setzen: Und die ist einfach -> einen Break machen, aus der Situation ausbrechen.
Wie das geschieht, ist völlig egal.

Das kann das innerliche Zählen sein. Das kann eine tatsächliche Pause mit "Abstand" sein - also etwa die aktuelle Besprechung unterbrechen (bitte NIEMALS einfach wortlos den Raum verlassen - das schürt nicht nur Ärger, sondern ist extrem unhöflich und, ja, fast verachtend, gegenüber den beteiligten Personen, finde ich. Niemand möchte einfach stehengelassen werden in einer Diskussion.)

Sprechen Sie es ruhig an, wenn Sie gerade am Kochen sind und fünf Minuten brauchen, um wieder runterzukommen.

Wenn es nicht möglich ist, eine räumliche Distanz zu schaffen, und wenn Sie im akuten Ärgerfall auch nichts mit dem innerlich Runterkommen anfangen können, dann machen Sie auf jeden Fall das:

-> ruhig und tief atmen!
Das geht immer und es funktioniert. Der Körper hört darauf. Egal wie aufgeregt man ist, man wird ruhiger und gefasster.
Konzentrieren Sie sich auf das Atmen (runter in den Bauch). Das bringt dann auch den Kopf etwas zur Ruhe, weil man ihn momentan anderweitig beschäftigt.

-> sich etwas vorstellen
Für manche Leute funktionieren innere Vorstellungen - ein Symbol, ein Bild, eine Situation, um sich runterzubringen.
In einem Interview in der Süddeutschen Zeitung habe ich kürzlich einen interessanten Tipp dazu gelesen - den ich auch ganz praktikabel finde: Man solle sich ein "Ärgerthermometer" vorstellen und sich überlegen, wo man sich selbst auf dieser Skala einordnen würde. Ich finde das eine witzige Idee - vielleicht nützt sie Ihnen auch. Auch soetwas bringt "Auszeit" mit sich, auch wenn sie nur kurz ist.

-> Ein weiterer Tipp ist, einfach auszusprechen, wie es Ihnen geht. Auch das nimmt "Druck" raus, wie ein Ventil. Also nicht einfach rummosern, sondern aussprechen, was ist: "Ich könnte platzen." - "Ich bin jetzt total stinksauer wegen dieser Sache."

-> Wenn Sie von der aktuellen Situation etwas Abstand bekommen wollen, etwa um kurz auf die Toilette zu gehen, dann nutzen Sie diese Pause: Atmen Sie tief durch und ziehen Sie sich eine Grimasse im Spiegel. Das mag albern klingen und es mag Ihnen in der Situationen nicht danach sein: Tun Sie's trotzdem. Egal, was gerade vorgefallen ist - Sie werden unwillkürlich lachen müssen.
Gleich danach kommt der Ärger sicher zurück - keine "Sorge", der geht ja nicht verloren - aber Sie haben den Automatismus des Hochschaukelns unterbrochen und jetzt die Möglichkeit, klarer mit der Situation umzugehen und das Gespräch fortzuführen.

-> Achten Sie auch darauf, wie Sie sich unwillkürlich in solchen Situationen anspannen: die Stirn gerunzelt, der Kiefer angespannt ... wir spannen sowieso völlig unbewusst ständig irgendwas an - oft sogar regelmäßig, so dass es zu muskulären Verspannungen kommt.

Abgesehen von allen genannten Dingen ganz oben, ist der wichtigste Teil:


2. Kommunikation

Zu lernen, die Dinge anzusprechen. Wer immer nur explodiert, aber nicht wirklich darüber spricht, was ihn so sauer macht und warum, der ist unfair mit sich und seinem Umfeld. Häufig kommt es auch erst dadurch zu kritischen Situationen: Weil man nicht rechtzeitig Dinge anspricht und sie sich irgendwann hochschaukeln.

Hier gleich noch der Hinweis: Schauen Sie sich immer auch die Gründe an. Ich habe es oft erlebt, dass Leute in der Arbeit ausgerastet sind und sich dann rausgestellt hat, dass der eigentliche Ärger und Auslöser im Privatleben lag - oder umgekehrt. Es gibt Leute, die wissen sich in der Firma nicht zu helfen und rasten dafür im Familien- und Freundeskreis aus.

 

Ist es schon passiert?

Manchmal ist es einfach schon passiert: Man ist in einer Situation ausgerastet, vielleicht schon vor einigen Tagen und es arbeitet innerlich - nicht nur wegen der Ursache, sondern auch, weil man mit sich und der heftigen Reaktion nicht ganz zufrieden ist.

Wenn Sie also "explodiert" sind, dann entschuldigen Sie sich bitte auf jeden Fall für Ihr Verhalten. Ich gehe davon aus, dass "Explodieren" auch explodieren heißt: also entweder laut oder krass oder Vorwürfe oder unfair oder Türen knallen oder was-auch-immer zu einer Explosion gehört.
Für so ein Verhalten ist eine Entschuldigung wirklich das Mindeste.

Wichtig: Das heißt nicht, dass Sie "klein beigeben", und es heißt auch nicht, dass Sie einer anderen Person oder bestimmten Inhalten zustimmen. Es spricht für Sie und Ihren Charakter, wenn Sie merken und zugeben, dass das Verhalten nicht in Ordnung war.

Halten Sie sich immer den weisen Spruch "Was Du nicht willst, dass man Dir tu" vor Augen.

Und: Haben Sie keine Angst vor der Entschuldigung! Eine aufrichtig gemeinte Entschuldigung kommt auf jeden Fall positiv an.

 

Die Folgen, wenn man schnell explodiert

Manche Leute denken, dass es Stärke ausdrückt, wenn man offensiv und auch "laut" nach außen geht, sich nichts gefallen lässt und einfach auch mal ausrastet und auf den Tisch haut.
Tatsächlich hat Lautstärke nie mit Selbstsicherheit und Überzeugungskraft zu tun - im Gegenteil: Der Spruch von wegen "wer schreít, hat Unrecht" hat schon seine Berechtigung. Ich kann das von mir aus bestätigen: Die wenigen Situationen, wo ich mich dabei ertappe, dass ich so richtig laut werde (und ich tue das so gut wie nie) haben durchaus mit berechtigtem Ärger zu tun -> aber eben auch damit, dass irgendwas bei mir selbst grad nicht stimmt und ich das durch Lautstärke ausgleichen will.

Das Schlimmere ist, dass das Explodieren einem selbst auch schadet. Denn Inhalte und Argumente werden nicht mehr (so) wahrgenommen oder auch nicht mal ernst genommen.

Beispielsweise überschattet das Verhalten die Inhalte: "Die ist immer gleich hysterisch, mit der kann man nicht reden." oder auch "Recht hätte er ja, aber wenn er sich so benimmt, kann er mich mal." oder auch "Das könnte man auch sachlich und konstruktiv sagen, auf diese Art kann und will ich das nicht ernst nehmen".

Der zweite Aspekt ist, dass es sein kann, dass man bestimmte Dinge schlichtweg nicht mehr mit Ihnen bespricht oder auch bestimmte Projekte/Situationen einfach mit anderen Leuten macht. Weil man Ihnen entweder nicht zutraut, dass Sie die Dinge im Griff haben, wenn Sie oftmals ausflippen. Oder auch, weil man es sich selbst einfach ersparen will, Ihren Zorn zu spüren.

Noch ein Aspekt für Leute, die ambitioniert sind, Personalverantwortung zu erhalten oder "aufzusteigen": Sie können sicher sein, dass häufiges Ausflippen und Außer-Kontrolle-Sein gewichtige Argumente sind (zu Recht!), Ihnen derlei Positionen zu versperren.

   
   
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