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Gehören
Sie zu den Menschen, die vorauseilend abwehren? Dann schaffen
Sie sich mit großer Wahrscheinlichkeit genau die Probleme,
vor denen Sie sich eigentlich schützen möchten.
Die
Synonyme von "defensiv" verdeutlichen, worin diese
Probleme stecken:
- abwehrend
- verteidigend
- vorahnend
- vorsichtig
Es gibt
Menschen, die von Haus aus defensiv reagieren: Sie befürchten
Kritik, für etwas verantwortlich gemacht zu werden,
sie scheuen eigenverantwortliches Handeln. Aber es gibt
natürlich Situationen, in denen wir uns alle defensiv
verhalten: mal ganz bewusst, etwa, wenn es darum geht, sich
nicht aktiv einzubringen, um Mehrarbeit oder Diskussionen
zu umgehen, aber auch ganz unbewusst, etwa wenn man aus
der allgemeinen Erfahrung heraus pauschale Schlüsse
zieht und danach handelt, ohne die aktuelle Situation individuell
zu berücksichtigen.
Kürzlich
bin ich einige Tage in einem Krankenhaus aus- und eingegangen
und habe aussagekräftige Beispiele dafür erlebt:
Beispiel
A: "Kann ich nicht, war ich nicht, weiß ich nicht"
Als
ich an der Pforte nachfrage, ob der Patient schon angekommen
ist, ruft der Pförtner auf der Station an. Während
er telefoniert, rollt er schon heftig mit den Augen und
beschwert sich anschließend bei mir, die er gerade
mal 30 Sekunden kennt, über die Kollegin in der Station.
Ich wiegle noch ab und sage, er soll nicht so gemein sein.
Daraufhin beklagt er sich, dass die Kollegin immer nur abschmettert
und noch nach fünf Jahren so tut, als habe sie keine
Ahnung.
Kopfschüttelnd
steige ich die Treppen hoch und frage im Schwesternzimmer
nach dem Patientennamen. Und innerhalb von wenigen Augenblicken
wird mir klar, was der Pförtner gemeint hat: Die Schwester
schreibt gerade irgendwas, sie sieht mich nicht mal an,
murmelt, dass sie den Namen nicht kenne. Und damit ist die
Sache für sie erledigt, sie ignoriert mich und schreibt
weiter.
Ich
stehe erstmal da. Bleibe ruhig und nett und frage nach,
wie das bei einem Transfer von einem anderen Krankenhaus
sei. Wo man ankommt, wenn man überstellt werde. Mit
Blick auf ihre Papiere, murmelt sie kurz: "Das weiß
ich nicht. Mir ist der Name nicht bekannt." Und das
war's.
An dieser
Stelle steigt mein Blutdruck. Eine andere Schwester schaut
herüber und ist alles andere als begeistert. Sie zeigt
mir die Stelle, wo der Transport ankommen wird, und versichert
mir, dass ich ihn hier nicht verfehlen werde. Da ich zu
früh da bin, will ich die Gelegenheit nutzen, schnell
mit dem Sozialdienst zu sprechen. Auf meine Frage, wo sich
die Stelle befindet, sagt mir Schwester Defensiv wieder:
"Das weiß ich nicht, ob die jetzt Sprechstunde
haben." und wieder schaltet sich die Kollegin ein und
sagt mir, wo ich das entsprechende Büro finde und wer
zuständig ist.
Später sehe ich sogar, dass am Türrahmen des Schwesternzimmers
Name, Zimmernummer und Telefon der Sozialberatung steht!
Nehmen wir einmal an, die betreffende Schwester ist ganz
neu dort und kennt sich einfach noch nicht aus. Auch dann
wäre ihr Vermeidungsverhalten sehr kontraproduktiv
für sie selbst. Denn ihre Wirkung - auf mich als "Kunde"
aber auch im Kollegenkreis - ist ein "Weiß nicht,
interessiert mich nicht, geht mich nichts an". Anerkennung
und ein gutes Miteinander sind auf diese Weise sehr schwierig.
In diesem
Fall kommt aber erschwerend hinzu, dass - wie ich vom Pförtner
wusste - diese Kollegin seit fünf Jahren auf dieser
Station arbeitet. Und in diesem Licht ist ihr Verhalten
noch krasser zu bewerten.
Beispiel
B: Die pauschale Abwehrhaltung
Arzt-Visite.
Eine ganze Gruppe von Ärzten geht in jedem Krankenzimmer
von Bett zu Bett. Das muss zügig gehen, es gibt noch
viel Arbeit. Die behandelnde Ärztin wird kurz vorgestellt
und teilt mit, dass sie "später" dann nochmal
alleine vorbeikommen wird. Auf die Frage, wann das in etwa
sein wird, antwortet sie mit einem "Später dann".
Als ich nochmal nachfrage, wann später ungefähr
ist, weicht sie erneut aus, dass sie erst Visite macht und
dann später kommen wird.
Mimik
und Gestik vermitteln, dass sie sich gedrängelt fühlt,
als wolle man sie festnageln. Ich wollte aber nur wissen,
auf wie viel Wartezeit wir uns ungefähr einrichten
müssen. Nun weiß ich nicht nur noch immer nicht,
was "später" heißt, sondern ich habe
außerdem das Gefühl (aufgrund Inhalt, Sprechweise,
Mimik und Körperhaltung), dass ich allgemein abgewimmelt
werden muss, weil ich als Patient drängle. Das muss
so nicht beabsichtigt gewesen sein - da sind wir bei den
vier Seiten einer Nachricht, zu denen Sie gleich noch mehr
erfahren.
Nehmen
wir den Standpunkt der Ärztin ein, dann hätte
sie von Haus aus einen aktiveren Part übernehmen können,
um Nachfragen, nochmaliges Nachhaken und "Parieren"
von Haus aus gar nicht aufkommen zu lassen. Zum Beispiel,
indem sie beim Vorstellen gleich sagt: "Guten Tag,
ich bin xy, die behandelnde Ärztin. Ich komme nach
der Visite dann auch gleich nochmal bei Ihnen vorbei. Leider
kann ich noch nicht genau sagen, wann das sein wird - aber
gehen Sie mal von ungefähr 14, 15 Uhr aus."
Die
berufliche Erfahrung erlaubt meistens eine Einschätzung.
Durch die Formulierung wird zudem klar, dass sie sich nicht
festlegt. Und es wäre sogar auch möglich, überhaupt
keine Uhrzeit anzugeben, sondern es bei einem "Ich
werde nach der Visite kommen, leider kann ich noch nicht
abschätzen, wann das sein wird." zu belassen.
In all diesen Fällen zeigt sie durch ihre aktive Art,
dass sie sich kümmert, ohne von vornherein auf "Drängeln"
eingeschossen zu sein.
Was
hören Sie denn da immer?
Menschen,
die befürchten, dass sie gleich eine auf den Deckel
bekommen und die sich deshalb "vorauseilend rechtfertigen"
oder sich aus der Verantwortung ziehen, hören Fragen
oder Kommentare auf eine beunruhigende oder auch anklagende
Weise.
Wahrscheinlich
haben Sie vom Vier-Ohren-Modell von Friedemann Schulz-von
Thun schon gehört? Danach enthält jede Äußerung
vier Botschaften: eine Sachinformation (worüber ich
informiere), eine Selbstkundgabe (was ich von mir zu erkennen
gebe), einen Beziehungshinweis (was ich von dir halte und
wie ich zu dir stehe), einen Appell (was ich bei dir erreichen
möchte). Dementsprechend hat Herr Schulz von Thun dem
Sender "vier Schnäbel" und dem Empfänger
"vier Ohren" zugeordnet.
Details auf www.schulz-von-thun.de
und ausführlicher in seinen sehr empfehlenswerten Büchern
"Miteinander reden - Band 1-3" ( Buchtipps).
Die
Ärztin, die ich gefragt hatte, wann sie ungefähr
kommen würde, hat gehört, dass ich sie antreiben
möchte. Dass dies seine Gründe hat, weil sie im
Krankenhaus sicherlich oft mit Ungeduld kontrontiert wird,
ist nachvollziehbar. Nur passiert es eben auch, wie in meinem
Fall, dass ich einfach nur ganz sachlich wissen wollte,
bis wann wir mit ihrem Besuch rechnen konnten, um uns auf
eine etwaige Wartezeit einzustellen.
Die
defensive Krankenschwester ist auf Angriffe und Kritik gepolt.
Als einmal ein umbestelltes Essen falsch kam und wir nachfragten,
ob die Bestellung grundsätzlich korrekt angenommen
worden war, antwortete sie mit einem schnellen: "Wir
teilen das nur aus! Wir kochen das nicht selbst!" -
Es ist leicht nachvollziehbar, dass der Alltag mit so einer
defensiven Haltung sehr unerfreulich bis stressig ist.
Vom
Selbstschutz reingelegt
Das
Schwierige ist nun, dass diese defensive Haltung sehr viel
weitreichendere Konsequenzen hat:
- Man
selbst ist innerlich immer auf der Hut und rechnet mit Unerfreulichem.
Selbst wenn das nicht auftritt, setzt man sich einem ständigen
unterschwelligen Stress aus.
- Auch
wenn es nicht zu einer Auseinandersetzung kommt, hat man
sich innerlich darauf eingestellt und unterstellt dem Gesprächspartner
eine kritische, angreifende Haltung - was auch die Beziehung
beeinträchtigt.
- Durch
das defensive Verhalten kann eine ungeduldige oder angreifende
Haltung verstärkt bzw., wie auch in den Beispielen
gezeigt, sogar erst geweckt werden. Da sind wir dann bei
der sich selbsterfüllenden Prophezeiung.
Selbst
kann man dann leider oft gar nicht unterscheiden, was schon
von Anfang an vorhanden war bzw. was man durch das defensive
Verhalten erst verursacht hat, und sieht sich in seinem
Weltbild wieder mal bestätigt.
Aktives
Verhalten gibt Ihnen Kontrolle
Überall
im Beruf - natürlich auch in diesem Krankenhaus - gibt
es sehr viele sehr aktive Leute. Sind Sie bislang eher defensiv
gewesen, dann probieren Sie es mal umgekehrt. Sie werden
die schöne Überraschung erleben, dass Sie durch
ein aktiveres Teilnehmen sehr viel mehr Kontrolle über
Ihre Arbeitsorganisation haben. Und dass sich dadurch viel
angenehmere Situationen mit Kollegen und Kunden ergeben
- und die oft erhoffte Anerkennung plötzlich eintritt.
Denn
auch das ist natürlich ein unschöner Nebeneffekt
der defensiven Haltung: Man wird als sich rechtfertigend,
ängstlich oder auch faul und feige ("der/die zieht
sich aus der Verantwortung") erlebt. Und Kunden wenden
sich, wenn sie die Wahl haben, lieber den Kollegen zu, die
aktiv und engagiert sind.
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