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Schon
mal andere angeschnauzt, weil Sie selbst im Stress sind?
Hinten und vorne nicht wissen, wie Sie alles unter einen
Hut bringen sollen, überhaupt nicht ausgeglichen sind
- und jetzt schwappt das auch noch auf Ihr privates Umfeld
über?
Ein
Beispiel dazu: Ich vereinbare mit meiner Mutter am Telefon,
ich könnte ja vielleicht irgendwann in den nächsten
Wochen mal zu Besuch kommen, um zu grillen. Da ich zeitlich
sehr stark eingebunden bin, belassen wir es bei "möglicherweise"
und "mal sehen". Einen Tag später läutet
das Telefon - mein Vater ist dran, wann genau ich denn jetzt
komme?
Bei
mir geht ab: Wäh! Ich hab gesagt vielleicht! Ich kann
mich nicht festlegen! Immer will man mich irgendwozu drängeln!
- Und spontan pampe ich zurück: "Das kann ich
jetzt nicht sagen!" - "Ich muss das aber wissen,
weil bei uns der Dienstplan gemacht wird." - "Ich
weiß es nicht. Dann halt gar nicht." Er sauer.
Ich sauer. Aufgelegt.
Vielleicht
kommt Ihnen diese Szene bekannt vor. - Was war geschehen?
Eine Person hat sich auf den Besuch gefreut, wollte sicher
gehen, dass sie auch wirklich nicht arbeiten muss und da
ist. Bei der anderen ist angekommen: Drängel, drängel,
jeder will immer was von mir.
Hier
ist nicht nur der Gesprächsverlauf unerfreulich, sondern
regelrecht unfair: Denn ich habe nicht nur unterstellt,
dass ich gedrängelt werden soll und meinen eigenen
Zeitdruck dem anderen übergestülpt, sondern bin
auch noch aufgegangen wie ein Hefeteig.
Was
tun?
1.
Es bemerken
Achten
Sie ganz bewusst darauf, wie Sie sich geben. Oft fährt
man mehr oder weniger auf "Autopilot" - und achtet
zwar auf die anderen, aber nicht auf sich selbst. Wenn Sie
merken, dass Sie zunehmend unleidig sind - und in der Arbeit
oder auch im Privatleben öfter mal ausflippen, dann
ist es Zeit, was zu tun.
Zum
Bemerken gehört:
->
die Aufmerksamkeit auf die eigene Reaktion richten (meist
ertappt man sich nach Ausbrüchen sogar bei Gedanken
wie "ich kenn mich gar nicht wieder", "ich
kann mich manchmal selbst nicht leiden")
->
und in Gesprächssituationen das eigene Gefühl
unabhängig von der Absicht des Gegenübers sehen
In unserem
Beispiel eben wird das sehr deutlich: Zu bemerken, dass
das Stressgefühl die tatsächliche Absicht des
Gegenübers "verdreht". Und nicht einfach
darüber hinweggehen und Ihrem Gegenüber das Gefühl
geben, dass er die Absicht hat, Sie zu ärgern oder
unter Druck zu setzen.
Nicht
immer gelingt das in der Hitze des Momentes. Keine Sorge:
Es ist zu jedem Zeitpunkt, auch später noch die Möglichkeit,
Ihre Überreaktion geradezubiegen.
2. Sofort entsprechend reagieren
Wenn
Sie noch während des Gesprächs merken, dass Sie
sich in irgendeiner Form daneben benehmen, dann sprechen
Sie es unmittelbar an: "Entschuldigung, dass ich so
aus der Haut gefahren bin. Ich hab zur Zeit einfach soviel
um die Ohren!" Und widmen Sie sich dann gemeinsam der
Angelegenheit.
Häufig
ist so ein Gespräch auch erleichternd: Denn man spricht
einfach mal offen aus, dass man überfordert/gestresst
ist - alleine das tut gut. Außerdem ergibt sich hier
der Ansatz, dass man Ihnen Rat und Unterstützung bietet.
Wer
dagegen nur andere anpampt und niemals auch nur die Gründe
des Ausbruchs angibt, der vermasselt sich nur die Beziehungen
und treibt das Umfeld erst recht von sich weg: Kein Wunder,
dass viele gestresste Leute zusätzlich darunter leiden,
dass andere auf Abstand gehen. Wer aber lässt sich
gern anschnauzen? Und wer geht unter solchen Umständen
gerne offen auf den anderen zu oder bietet Unterstützung
an?
3. Vielleicht Bedenkzeit
Gerade,
wenn es um Entscheidungen geht - privater oder beruflicher
Natur - ist es oft vorteilhaft, sich Bedenkzeit auszubitten.
Das können auch nur fünf ruhige Minuten sein.
Oder auch etwas länger.
Zwei
Beispiele dazu:
Kollegin
kommt und bittet darum, dass Sie ihr bei einem Projekt helfen
Eigentlich würden Sie das gerne tun, aber Sie wissen
eh schon nicht mehr, wo Ihnen der Kopf steht. Anstatt sich
jetzt zu beklagen ("Was soll ich denn noch alles machen")
oder unter Druck ja oder nein zu sagen und das anschließend
zu bereuen, ist es besser zu sagen, was Sache ist: "Sag
mir bitte im Vorfeld, was genau die Projektarbeit bedeutet
und wieviel Zeit Deiner Ansicht nach dafür aufgewendet
wird. Ich stecke momentan bis über beide Ohren in Arbeit
und möchte Dir gerne nur dann meine Unterstützung
zusagen, wenn ich es auch guten Gewissens übernehmen
kann." Überlegen Sie dann realistisch, ob Sie
mitarbeiten können bzw. unter welchen Umständen.
Je nach Situation können Sie möglicherweise andere
Aufgaben abgeben. Oder anders terminieren.
Das
nähere Fragen nach Informationen und Umfang ist sehr
wichtig. Häufig diskutiert man theoretisch über
etwas, das sich im Nachhinein als "Klacks" herausstellt.
Kommst
Du heute abend mit in die Kneipe?
Freunde möchten einen gemütlichen Plauderabend
machen und Sie gerne dabei haben. Für viele ein Gewissenskonflikt.
Denn gerade, wer viel zu tun hat, freut sich oft, sich einfach
nur noch auf die Couch zu knallen. Auch hier ist Offenheit
mehr wert als ein "Sich aus Höflichkeit zu
etwas zwingen, was man gar nicht tun möchte":
"Das klingt verlockend. Andererseits bin ich so kaputt,
dass ich mich momentan eher nach meiner Couch sehne. Wann
wollt Ihr denn gehen? Wenn ich doch noch Lust habe, komme
ich gerne nach."
Zu privaten
Kontakten noch ein Tipp: Ich habe in meinem Freundeskreis
offen verbreitet, dass ich es sagen werde, wenn ich einmal
einfach keine Lust habe, etwas zu unternehmen. Umgekehrt
gilt das genauso. So kam es durchaus schon vor, dass eine
Freundin zwei Stunden vor einem vereinbarten Treffen anrief
und absagte. Kein Problem - wir räumen uns gegenseitig
das Recht ein, auch kurzfristig nein zu sagen. Wir wissen,
dass wir nur dann absagen, wenn wir absolut keinen Bock
auf Gesellschaft haben - und dann ist es akzeptiert, weil
auch für alle schöner, wenn man sich trifft, wenn
man das auch möchte.
Pseudo-Ausreden
oder gar Lügen tun einer Freundschaft nicht gut. Und
warum sollte man bei privaten Treffen irgendeine Ausrede
vorschützen müssen? Der offene Umgang miteinander
ist gut für die Freundschaft und macht nicht auch noch
Privatstress durch Höflichkeitsaktionen oder Ausreden
erfinden.
4. Nachfragen, wie's gemeint ist
Manchmal
fühlt man sich von anderen zusätzlich unter Druck
gesetzt - und hat möglicherweise sogar recht damit.
Das findet man nur dann raus, wenn man dem Gegenüber
sagt, wie sein Verhalten ankommt und sich versichert, wie
es denn nun gemeint ist.
Und
da kommt natürlich der Tonfall ins Spiel.
Ein
Beispiel:
Nehmen wir an, Ihr Chef gibt Ihnen zusätzliche Arbeit
- und Sie rotieren ohnehin schon. Sie sind auf der einen
Seite ärgerlich, dass Sie schon wieder etwas dazu bekommen
und fragen sich ehrlich, ob Ihr Chef überhaupt realisiert,
was Sie alles zu tun haben.
Nun
können Sie die Frage stellen: "Wissen Sie eigentlich,
was ich momentan alles zu tun habe?"
Sie
ahnen schon, worauf ich hinaus möchte? Ganz genau:
Betonen Sie diesen Satz mal unterschiedlich. Vom interessierten
Nachfragen, dem ein konstruktives Gespräch folgt, bis
hin zum peitschenden Vorwurf ist alles drin.
Ihrer
Sache dient es nur dann, wenn Sie konstruktiv bleiben. Wer
rumpampt und nur oberflächlich jammert (so verständlich
es in einer Stressphase sein mag), der schadet sich eher:
Zum einen kann es tatsächlich sein, dass Ihr Chef nicht
weiß, woran Sie momentan im Detail arbeiten. Zum anderen
lässt sich kein sachliches Gespräch führen,
bei dem Probleme und auch mögliche Lösungen besprochen
werden, wenn man auf Vorwurfs- oder Jammerniveau bleibt.
Klingt hart, ist aber so.
5. Und wenn es schon in die Hose ging?
Sie
haben dem anderen schon verbal eine vor den Latz geknallt?
Und jetzt ein schlechtes Gewissen? Es ist nie zu spät:
Gehen Sie offen auf den anderen zu, entschuldigen Sie sich
für Ihren Ausbruch und erklären Sie ihm kurz die
Situation. Achtung: es ist ein Unterschied zwischen erklären
und rechtfertigen. Letzteres endet meist in "Entschuldigung,
aber eigentlich war meine Reaktion doch gerechtfertigt,
weil ich nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht".
Vielen Dank! Wer sich so "entschuldigt", kann's
für sich behalten.
Unser
Anfangsbeispiel: Nach Auflegen des Hörers saß
ich an meinem Schreibtisch und war auf der einen Seite nach
wie vor verärgert, auf der anderen Seite hatte ich
voll das schlechte Gewissen. Mir war sehr wohl bewusst,
dass es meinem Vater jetzt genauso miserabel geht - und
wie unfair ich war. Also Hörer abgehoben und ihn in
der Arbeit zurückgerufen. Ich habe mich für mein
Verhalten entschuldigt, ihm erklärt warum ich so ausgerastet
bin - was bei mir angekommen war. Und dann haben wir die
eigentliche Frage nach dem Besuch ganz freundlich und normal
geklärt. Damit war alles wieder okay - und beim zweiten
Hörer auflegen ging es uns wieder gut.
Schieben
Sie so eine Klärung nie auf! Sowohl der anderen Person,
als auch Ihnen selbst geht es nicht gut, wenn Sie es aufschieben
oder gar ignorieren. Ich weiß, es ist nicht immer
einfach, sich zu entschuldigen.
Ich
erinnere mich auch an einen Fall vor Jahren, wo ich als
Angestellte mich derart über einen Fahrradkurier aufgeregt
hatte, dass ich ausgerastet bin und mich total aufgeführt
habe. Inhaltlich war meine Reaktion berechtigt - die Art
und Weise war völlig unverhältnismäßig
und auch respektlos. Als ich aufgelegt hatte, war dieselben
Situation: Ärger über das Fehlverhalten des Kuriers
und das Gespräch - und grenzenlose Scham über
mein Ausklinken. Auch hier half nur eins: Postwendend den
Hörer abheben und sich entschuldigen: der Grund des
Ärgers besteht, doch mein Verhalten war nicht okay
und dafür möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen.
Vermutlich hat es den Mann damals vor Überraschung
aus dem Stuhl gehauen - doch unser Verhältnis war damit
in Ordnung. Wir konnten normal über den Ärger
sprechen und die weitere Zusammenarbeit war unbelastet.
Wie wäre das wohl auf Dauer gewesen, wenn wir es nicht
geklärt hätten?
6.
Auf lange Sicht gesehen
Es kann
immer einmal passieren, dass Sie in einer Situation überreagieren.
Das kennt wohl jeder - auch wenn man sonst sehr ausgeglichen
und freundlich ist. Sind Sie jedoch auf Dauer gereizt und
die Nerven zum Zerreißen gespannt, dann ist es wichtig,
Ihre aktuelle Situation zu überprüfen:
Wo kommt der Stress her?
Machen
Sie es sich gemütlich und schreiben Sie mal alles auf,
was Sie nervt, belastet, ärgert, beschäftigt.
Auch hier ist es wieder wichtig, konkret zu werden. Also
nicht nur schreiben "Chef", sondern was genau
am Chef: etwas an seiner Person, sein Verhalten, seine Arbeitsweise,
oder oder oder
Häufig
verschiebt man übrigens unbewusst die Stressgründe
auf ein Thema, das leichter zu handlen scheint: So kann
es sein, dass in der Beziehung oder in der Familie Stunk
herrscht, man sich das aber nicht eingestehen möchte
und so den Ärger in die Arbeit verschiebt. Oder auch
umgekehrt. Seien Sie also wachsam und ehrlich mit sich selbst:
denn nur, wenn Sie wissen, wo der Hund begraben liegt, können
Sie auch an der richtigen Stelle etwas zum Positiven verändern.
Wenn
es kein aktueller Anlass ist, dann kann es ganz einfach
sein, dass das Verhältnis von Anspannung und Entspannung
nicht stimmt: Vielleicht sind Sie immer auf Touren und kommen
nie zur Ruhe. Oder Sie haben es nie gelernt, auch mal in
Stille und für sich selbst zu sein. Nur zu sein. Nicht
immer was zu machen.
Dann
finden Sie für sich Wege, diese Ruhe wieder herzustellen:
durch Rituale, die Ihnen den Übergang von der Arbeit
ins Privatleben besser ermöglichen, durch Bewegung
oder Entspannung. Unser zahlreichen Tipps in der Bibliothek
"Lebensqualität" und unsere Buchtipps geben
Ihnen weitere Hinweise dazu.
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