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Feindbild Chef:
konstruktiv damit umgehen (lernen)
  von Christine Öttl
 

Nicht nur Nachwuchsführungskräfte tun sich häufig schwer damit, wenn ihnen - ganz besonders in schwierigen Zeiten oder wenn es um unpopuläre Entscheidungen geht - ein rauer Wind entgegenschlägt und die eigenen Mitarbeiter auf Distanz gehen. Doch es ist nun mal eine Tatsache, dass Sie als Vorgesetzter automatisch auch so etwas wie "ein Feind" sind - mal mehr und mal weniger, abhängig von der Situation und von den einzelnen Mitarbeitern. Die gute Nachricht lautet: Wenn Sie diesen Druck aushalten und konstruktiv damit umgehen, meistern Sie nicht nur die Situationen selbst, sondern bewähren sich in Ihrer Führungsposition und können diese stärken und ausbauen.

Bitte vergessen Sie nicht: Als Vorgesetzter spielen Sie in einer anderen Liga als Ihre Mitarbeiter! Ihre Aufgabe besteht im Wesentlichen darin, eine klare Richtung vorzugeben (die mit den Unternehmenszielen übereinstimmt) und dafür Sorge zu tragen, dass diese eingeschlagen und beibehalten wird, und die Fäden zusammenzuhalten. Das bedeutet, dass Sie - von den einen Mitarbeitern mehr und von anderen weniger, in einfachen Zeiten weniger als in kritischen - in erster Linie als Stellvertreter der "Firma" gesehen werden, und damit auch als potenzieller "Feind". Schließlich ist es ein wesentlicher Teil Ihres Jobs, die Interessen des Unternehmens zu vertreten und umzusetzen.


Wichtig: die Vorgesetztenrolle voll übernehmen

Eine Führungsposition bringt viele Chancen und Risiken mit sich, hat angenehme und weniger angenehme Seiten. Es ist sehr wichtig, dass Sie sich Folgendes bewusst machen und (zu) akzeptieren (lernen): Egal wie gut Sie mit Ihren Leuten klarkommen, Sie stehen auf einer anderen Stufe und gehören nicht (mehr) als "Gleicher" zum Team. Sie sind der Chef und gehören aus Sicht Ihrer Mitarbeiter zu "denen da oben". Es kann passieren, dass Ihnen Ablehnung und Kritik entgegenschlagen oder Mitarbeiter Ihnen die kalte Schulter zeigen - nur weil Sie der Chef sind. Ja, das ist nicht angenehm, gar nicht bequem und aus der eigenen Sicht höchst unfair. Aber es gehört zum Chefsein einfach dazu. Nur wenn Sie auch diese Facette akzeptieren und damit umgehen können, fühlen Sie sich in Ihrer Vorgesetztenrolle sicher und können sie souverän ausüben.

 

Nehmen Sie es nicht persönlich!

Ich weiß aus eigener jahrelanger Erfahrung als Abteilungsleiterin, dass das leichter gesagt ist als getan. Aber ich weiß auch, dass man es lernen kann, wenn man will. Bitte machen Sie sich klar: Sie können es nicht verhindern, dass einzelne oder mehrere Mitarbeiter (vor allem in schwierigen Situationen) eine "Chef-Antihaltung" haben oder aufbauen. Aber Sie können sehr wohl verhindern, dass diese Haltung sich verstärkt oder gar auf das ganze Team übergreift.

Um die Kraft dafür aufzubringen, die Dinge anzupacken und wieder in positive Bahnen zu lenken, ist eine gesunde Einstellung zum ganzen Thema sehr hilfreich. Wenn Sie es schaffen, zwischen Ihrer Rolle/Funktion und Ihrer Person zu unterscheiden - und sich davon zu überzeugen, dass die "Antihaltung" nichts mit Ihnen persönlich zu tun hat, dann haben Sie gute Voraussetzungen, um sich auch in diesen kritischen und schwierigen Zeiten zu bewähren.


Wichtig: abchecken, ob es tatsächlich nichts Persönliches ist
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Das bedeutet keineswegs, dass eine ablehnende Haltung NIE etwas mit Ihnen als Person zu tun hat, sondern grundsätzlich NUR mit Ihrer Position. Da auch Sie nur ein Mensch sind und auch Sie Fehler machen, kann der Auslöser sehr wohl auch etwas ganz Konkretes sein: etwas, was Sie gesagt oder nicht gesagt bzw. getan haben, eine Bemerkung, die falsch interpretiert worden ist, ein Missverständnis usw. Aus diesem Grunde ist es sehr wichtig, dass Sie den Dingen auf den Grund gehen, für sich selbst analysieren und herausfinden, was möglicherweise dahinterstecken könnte, und das Gespräch mit dem betroffenen Mitarbeiter suchen. Nur so können Sie die wahren Hintergründe aufdecken und dann handeln.

 

Im Arbeitsalltag beweisen, dass Sie kein "Feind" sind

Sie haben sehr viele Möglichkeiten, um die Wahrscheinlichkeit, von Ihren Mitarbeitern als "Feind" angesehen und entsprechend behandelt zu werden, zu minimieren. Wenn Sie Ihren Leuten durch Ihre Führungspraxis und Ihr Verhalten beweisen, dass Sie sich für sie interessieren und ihre Leistungen wertschätzen, wenn Sie sie fördern und fordern und zu Eigenverantwortlichkeit wie aktivem Mitmachen animieren, dann haben Sie sehr gute Karten.


Wichtig: Es geht nicht darum, allen alles recht zu machen
Manchmal denken Chefs in Schwarz-Weiß-Kategorien: Ich kann nur entweder der Freund meiner Leute sein (dann darf ich sie nicht überfordern oder etwas Negatives sagen, dann muss jede Entscheidung einstimmig gefällt werden usw.) oder ihr Feind (das bin ich automatisch, wenn ich etwas Unpopuläres sage oder als Chef eine Entscheidung treffe und diese dann durchsetze usw.). Ja, das ist natürlich der Weg des geringsten Widerstandes und kann für eine bestimmte Zeit auch gut funktionieren.
Aber erstens kommt früher oder später immer eine kritische Situation, in der man als Chef eine unpopuläre Entscheidung treffen oder weitergeben muss - und dann ist das die Hölle für denjenigen, der bisher immer auf Harmonie gesetzt hat. Zweitens wird es von einem Chef einfach erwartet (bewusst oder unbewusst), dass er die Zügel in die Hand nimmt und Farbe bekennt. Ansonsten kommen bald grundsätzliche Fragen auf wie: "Wofür brauchen wir unseren Vorgesetzten eigentlich? Wofür bekommt er/sie eigentlich ein höheres Gehalt?!" Und so läuft dieser Typus von Chef viel stärker Gefahr, als "Feind" angesehen zu werden.

 

Hier nur ein paar Anregungen, wie Sie in der Realität/im Arbeitsalltag beweisen können, dass Sie nicht der "Feind" Ihrer Leute sind:

- Sorgen Sie dafür, dass Informationen rechtzeitig weitergegeben werden, und nutzen Sie jeweils die sinnvollsten Wege (E-Mail, Telefon, Schwarzes Brett usw.)

- Geben Sie der persönlichen Informationsübermittlung den Vorrang. Versammeln Sie Ihre Mannschaft regelmäßig um sich und geben Sie wichtige Informationen persönlich und direkt weiter.

- Suchen Sie im Arbeitsalltag das Gespräch mit Ihren Mitarbeitern. Zeigen Sie sich an den Arbeitsplätzen und interessieren Sie sich für die Tätigkeiten und die Fortschritte Ihrer Leute.

- Führen Sie regelmäßige Mitarbeitergespräche und nutzen Sie sie, um Ihren Mitarbeitern ausführliches Feedback zu geben und gemeinsam Ziele wie Erwartungen zu klären.

- Gucken Sie nicht weg, wenn es schlechte Stimmung und Schwierigkeiten gibt. Kümmern Sie sich darum, sprechen Sie die Sache bei den Betroffenen an und unterstützen Sie sie dabei, gemeinsam eine Lösung zu finden.

- Regen Sie Ihre Leute dazu an, über Verbesserungen nachzudenken und ihre Vorschläge publik zu machen. Interessieren Sie sich für das, was Ihre Mitarbeiter zu sagen haben, und tragen Sie dafür Sorge, dass sinnvolle Vorschläge sofort umgesetzt werden. Und erklären Sie, warum bestimmte Ideen (noch) nicht verwirklicht werden können.


Tipp: nichts "Inoffizielles" ausplaudern
Es kann sein, dass Sie ganz schön in die Bredouille kommen. Beispielsweise dann, wenn Veränderungen anstehen, über die Sie noch nicht offiziell sprechen dürfen - aber bereits Gerüchte kursieren oder man Sie direkt auf das Thema anspricht: Tun Sie nicht so, als wüssten Sie von nichts oder als bildeten sich Ihre Leute das alles nur ein, sondern sagen Sie, wie es ist: dass es Gespräche gibt, sie aber im Moment nichts sagen dürfen.
Es ist sehr wichtig, dass Sie nicht der Versuchung erliegen, die Informationen hinter vorgehaltener Hand an Ihre Leute weiterzugeben: "Ich darf das eigentlich nicht sagen - und es ist auch noch nichts beschlossen. Deshalb müsst ihr das unbedingt für euch behalten und dürft es niemandem weitersagen: Es ist so, dass..." Vielleicht machen Sie sich damit erstmal lieb Kind. Aber ganz schnell gefährden Sie Ihren guten Ruf als vertrauenswürdige und zuverlässige Persönlichkeit, was sich fatal auswirken kann. Die Gefahr, dass Sie bald von zwei Seiten als "Feind" gesehen werden - nämlich von den Mitarbeitern plus den eigenen Vorgesetzten - ist sehr groß.

 

Herausfinden, was dahintersteckt

Eine weitere Bewährungsprobe können Sie bestehen, wenn Sie kritische Signale wahr- und ernst nehmen. Bitte lassen Sie sich nicht dazu verleiten, die Augen vor der Realität zu verschließen und so zu tun, als wäre alles in Ordnung, wenn es Anzeichen dafür gibt, dass irgendetwas im Busch ist. Halten Sie Augen und Ohren offen und werden Sie hellhörig, wenn Sie beispielsweise mitbekommen, dass:

- Mitarbeiter Ihnen die kalte Schulter zeigen
(z.B. Sie nur "widerwillig" grüßen, nicht mehr von sich aus zu Ihnen kommen usw.)

- Ihre Leute still werden, sobald Sie dazukommen

- Mitarbeiter nur einsilbig auf Ihre Fragen antworten oder sich in Meetings kaum mehr zu Wort melden

- der Ton schärfer wird, in dem Mitarbeiter mit Ihnen sprechen


Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen nur raten: Geben Sie sich einen Ruck und suchen Sie das Gespräch mit dem/den Betroffenen. Abgesehen davon, dass Sie so Licht in die Sache und Lösungen auf den Weg bringen können, vermitteln Sie Ihren Leuten eindeutig die Botschaft, dass Sie Schwierigkeiten erkennen und diese auch anpacken. Nutzen Sie solche Situationen als Chancen, um Ihren Mitarbeitern zu beweisen, dass Sie sich für ihre Belange interessieren und sich darum kümmern - so hat die Mentalität "Chef ist gleich Feind" keine Chance, sich langfristig in den Köpfen einzunisten!

   
   
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Als Chef/in ist es oft gar nicht so einfach, Entscheidungen zu treffen, die eigene Wirkung zu kennen - und ehrliches Feedback und konstruktiven Rat zu bekommen, was man verbessern könnte.
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