| Jeder,
der Bewerbungsunterlagen sichtet, eine Vorauswahl treffen
muss und dann in Vorstellungsgesprächen ein Gefühl
dafür entwickeln soll, ob das Gegenüber "der/die
Richtige" für eine zu besetzende Stelle ist, weiß,
wie schwierig und frustrierend das ist: Unter den zahlreichen
Bewerbungen befinden sich viele Perlen, die sich einfach nicht
gut präsentieren, und so mancher, der sich schriftlich
wunderbar präsentiert hat, entpuppt sich im Interview
als Enttäuschung.
Garantien,
einen guten Kandidaten auszuwählen, gibt es nicht.
Und fast jede Führungskraft hat schon Fehler gemacht:
zu strenge Interviews, die gute Bewerber vorab ausfiltern,
oder auch Einstellungen, die sich als Fehlentscheidung herausstellen:
zu gute Mitarbeiter, die gleich wieder gehen, weil sie unterfordert
sind, oder auch mangelnde oder falsche Qualifizierung, die
dazu führt, dass ein frisch eingestellter Mitarbeiter
an den Anforderungen scheitert.
Das
generell zu vermeiden, ist kaum möglich. Dennoch können
Sie sich hausgemachte Fehler ersparen.
Fehler
# 1: Unnötige Qualifikationen fordern
Das
ist ein Hauptfehler, den viele Unternehmen machen: Bereits
die Stellenausschreibung fordert sehr hohe und zum Teil
irrelevante Qualifikationen.
Das
führt zum einen dazu, dass Sie Bewerbungen von Kandidaten
bekommen, die sich mehr unter der Position vorstellen und
letztlich überqualifiziert sind - was bestenfalls eine
oder beide Seiten im Gespräch feststellen. In diesem
Fall hat man unnötig Zeit investiert und als Personalentscheider
haben Sie andere, für die Stelle besser qualifizierte
erst gar nicht eingeladen. Schlimmstenfalls wird ein Vertrag
unterschrieben und es kommt zu Ärger bzw. man muss
sich schließlich wieder trennen. Das bedeutet nicht
nur Frust, sondern ist für das Unternehmen und für
den Mitarbeiter höchst unerfreulich, weil es einen
zurückwirft, die Suche von vorne losgeht und man damit
zusammenhängende Nachteile in Kauf nehmen muss.
Natürlich
ist es aus Firmensicht verständlich, einen gewissen
Filter zu setzen. Und auch wenn man Annahmen à la
"Ich will jemanden, der sich gut ausdrücken kann,
darum glaube ich, dass ich mit Akademikern besser fahre"
nachvollziehen kann, führen sie einen in dieser Rigorosität
doch oft auf den Holzweg.
Damit
Sie keine unnötigen Qualifikationen fordern, sollten
Sie:
- eine
Stellenbeschreibung entwerfen und zwar gemeinsam mit den
Mitarbeitern, die die Position selbst ausüben oder
sehr gut kennen. Denn als Vorgesetzter hat man oft keinen
oder einfach nicht genug Einblick in den Alltag und die
damit verbundenen Routinetätigkeiten.
- sich
immer fragen, welche Anforderung ein "Muss-" oder
"Wäre schön-"Kriterium ist. Besser als
pauschal zu sagen, dass Sie nur Uni-Absolventen nehmen,
wäre es, klar auszudrücken, welche Qualifikation
Sie sich wünschen.
Stichwort: Tests
Ich
habe es in zahlreichen Firmen erlebt, dass diese völlig
absurd schwere Einstellungstests durchführen. Da werden
komplizierte Fälle konstruiert, mit denen selbst langjährige
Mitarbeiter Schwierigkeiten hätten, oder es werden
Computerkenntnisse auf sehr hohem Niveau abgecheckt für
Stellen, bei denen man einfach ein paar rudimentäre
Anwenderkenntnisse braucht. Seien Sie auch hier bitte realistisch:
Was möchten Sie testen - und mit welchem Ziel? Möchten
Sie beispielsweise abchecken, ob ein Bewerber sich gut am
Telefon gibt, brauchen Sie dafür keinen schwierigen
Fall zu konstruieren. Braucht man für die Position
gute umgangssprachliche Englischkenntnisse, ist es nicht
nötig, einen schwierigen schriftlichen Grammatiktest
zu veranstalten.
Fehler
# 2: Auf falsche Dinge achten
Je nachdem,
was die Position erfordert, ergeben sich die schon angesprochenen
Muss- oder Kann-Kriterien. Wenn Sie heute jemanden einstellen,
der nur mit Computern zu tun hat oder als Team-Assistenz
immer im Hintergrund arbeitet, dann brauchen Sie nicht auf
die gleiche Sprachgewandtheit und makellose Rhetorik zu
achten, die Sie sich für einen Mitarbeiter mit Kundenkontakt
oder sonstigen repräsentativen Aufgaben wünschen.
Ist
die Stelle recht hektisch und Sie brauchen jemanden, der
sich gut an Dinge erinnert, schnell umschalten und persönliche
und telefonische Anfragen "gleichzeitig" bearbeiten
kann, dann ist es wichtig, abzuchecken, wie es mit der Multitaskingfähigkeit
aussieht und nicht nur darauf zu achten, ob der Bewerber
Erfahrung in Einzeltätigkeiten hat.
Um diesen Fehler nicht zu machen, ist es elementar:
- dass
Sie sich vor dem Formulieren einer Anzeige (nd nochmal,
bevor Sie in die Vorstellungsgespräche gehen) anhand
der Stellenbeschreibung genau überlegen: Welche Art
von Persönlichkeit, von Kenntnissen, Fähigkeiten
und Erfahrungen brauche ich? Insbesondere die persönlichen
Eigenschaften/der Charakter und wie sich der gewünschte
neue Mitarbeiter geben soll, sind hier ausschlaggebend.
Denn zum einen müssen diese Gegebenheiten auf die Position
abgestimmt sein und zum anderen muss ein Bewerber auch zum
bestehenden Team und zum Unternehmen passen.
siehe
auch: Mitarbeiter
finden - mit System
- dass
Sie sich auf jeden Fall mit den Mitarbeitern, die die Stelle
selbst ausüben auseinandersetzen,
- und:
Sofern Sie sich in der Vergangenheit von Mitarbeitern trennen
mussten, weil diese der Stelle nicht gut genug gewachsen
waren, dass Sie aus dieser Erfahrung lernen: Was genau war
damals das Hindernis? Und wie müsste es sein?
Wichtig: Konkretisieren Sie immer, was genau Sie meinen.
Geben Sie sich nicht mit den üblichen Schlagwörtern
wie flexibel, kommunikativ, durchsetzungsfähig oder
kreativ zufrieden. Was genau heißt das für SIE
und für DIESE POSITION? Je konkreter Sie das machen,
desto aussagekräftiger können Sie eine Stellenausschreibung
formulieren, die sich abseits dieser inflationären
Schlagwörter bewegt, und Sie wissen bei der Bewerberauswahl
viel genauer, worauf Sie achten und was genau Sie abchecken
müssen.
Fehler
# 3: Stress-Interviews
Nichts
ist kontraproduktiver für ein echtes Kennenlernen eines
Bewerbers als ein Stressinterview. Sich unmöglich zu
benehmen, führt zunächst einmal dazu, dass der
Bewerber sich nicht respektiert fühlt und vielleicht
sogar jegliche Lust am Unternehmen verliert. Und hier gilt
auch wieder der Grundsatz: Je besser und selbstbewusster
der Kandidat ist, desto schneller haben Sie ihn verloren.
Außerdem
führt künstlicher Stress nur dazu, dass die Atmosphäre
alle Ergebnisse verfälscht. In der Regel sind Bewerber
ohnehin nervös, weil sie sich in einer Ausnahmesituation
befinden und auf dem Prüfstein stehen - diesen Zustand
noch zu verschärfen, ist absolut kontraproduktiv.
Häufig
werden Stress-Interviews von unerfahrenen Personalentscheidern
gemacht, die nicht genau wissen, was sie tun sollen, und
glauben, dass sie unter künstlichem Druck irgendwelche
besseren Erkenntnisse gewinnen.
Wenn
Sie einen Bewerber also wirklich kennenlernen möchten,
ist es Ihre wichtigste Aufgabe als Führungskraft, dass
Sie den Kandidaten möglichst locker machen. Dann lernen
Sie ihn von seiner echten Seite kennen und Sie haben auch
eine unverkrampftere Atmosphäre, die dazu führt,
dass Sie auch ehrlichere Antworten erhalten.
Fehler
# 4: Ungünstige Gesprächstaktik
Neben
den bereits angesprochenen Stress-Interviews, unnötigen
und zu schwierigen Tests und den falschen Fragen, stellen
auch der Gesprächsaufbau und das Eigenverhalten als
Personalentscheider häufig eine Falle dar, etwa weil:
- Sie
selbst zu viel reden.
Je mehr Sie über sich und die Firma erzählen,
desto weniger erfahren Sie vom Bewerber. Natürlich
ist es auch wichtig, dem Kandidaten etwas über die
Position und das Unternehmen zu berichten, aber die Gesprächszeit
muss ausgewogen sein. Vor allen Dingen muss aus Ihrer Sicht
gewährleistet sein, dass Sie sich fachlich und persönlich
ein konkretes Bild machen können. Und das können
Sie nur, indem Sie zielgerichtete Fragen an den Bewerber
stellen.
- Sie
dem Bewerber Dinge in den Mund legen.
Ein ganz klassischer Fehler ist, dass Personalentscheider
im Interview lang und breit erklären, welchen Mitarbeiter
sie sich wünschen - nur um dann vom cleveren Gegenüber
genau das zu hören. Besser ist es, zunächst Ihre
Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen und dann zu
sagen, was Ihnen wichtig ist. Natürlich sind dafür
die zielgerichteten Fragen umso wichtiger, damit Sie Ihrem
Gegenüber auch eine reelle Chance geben, die relevanten
Kriterien zu zeigen.
- sich
zu weit an der Oberfläche zu bewegen.
"Sind Sie flexibel?" - "Ja klar!" -
"Okay."
Wenn man es so liest, könnte man sich darüber
kaputtlachen. Und dennoch laufen Vorstellungsgespräche
häufig genau so ab.
Sie
sehen, wie sehr der Erfolg eines Vorstellungsgespräches
von IHNEN abhängt!
Fehler
# 5: Das Fallbeil-Urteil
Man
kann es nicht oft genug betonen: Wir sind alle nur Menschen.
Und es ist auch ganz menschlich, dass einen bestimmtes Verhalten
oder eine Bemerkung so "abturnt", dass man spontan
eine Schublade aufmacht oder dass eine Antipathie im Raum
steht, die Ihren Rolladen runtergehen lässt. Menschlich
ist das auf jeden Fall, aber Sie sind hier als Führungskraft
in professioneller Mission unterwegs. Insofern dürfen
Sie sich spontane Fallbeil-Urteile nicht erlauben.
- Ist
Ihnen ein Bewerber unsympathisch, ist es wichtig, dass Sie
der Sache auf den Grund gehen: Indem Sie für sich selbst
abchecken, woran das liegt (manchmal ist es etwas Banales
wie eine Ähnlichkeit des Bewerbers mit einer anderen
Person, die man nicht mag) und indem Sie sich dazu disziplinieren,
ganz bewusst eine offene und interessierte Perspektive einzunehmen,
genau nachhaken und aktiv prüfen, ob sich Ihr Eindruck
bestätigt oder ob Sie ihn relativieren oder komplett
umkrempeln können.
- Sagt
die Person etwas, das Ihnen missfällt oder benimmt
sie sich in einer Weise, die Sie als indiskutabel empfinden,
dann sprechen Sie das offen an. Gerade in einer Bewerbungssituation
geben sich manche Menschen anders, treten beispielsweise
mit arrogantem Bravado auf, um damit ihre große Unsicherheit
zu verbergen.
Übrigens: Seien Sie sich bewusst, dass auch Sie etwas
in Ihrem Gegenüber auslösen und einen bestimmten
Eindruck machen! Denn auch der Bewerber fällt solche
Urteile und so kann es sein, dass er sich verschließt
oder einsilbig wird, weil er Sie "abgeurteilt"
hat und sein Rolladen heruntergegangen ist. Das ist nicht
schön, aber - wie gesagt - menschlich. Ihre Aufgabe
ist es, wenn Sie gute Mitarbeiter finden möchten, dass
Sie diesen Rolladen bemerken und hochgehen lassen. Denn
nur dann erfahren Sie genug vom Gegenüber. Natürlich
ist dieses Verhalten an sich auch ein Punkt, den Sie bewusst
registrieren sollten.
Fehler
# 6: Die Attraktivität der Stelle aufblasen
Ich
kenne es selbst: Manchmal hat man "den perfekten Bewerber"
vor sich und man will unbedingt, dass die Person bei einem
anfängt.
Die
Gefahr ist, dass man - oft ganz unbewusst - dann anfängt,
den Bewerber zu UMWERBEN und die Position und das Unternehmen
sehr viel rosaroter darstellt, um ihn für sich zu gewinnen.
Das
führt dann oft dazu, dass sich Mitarbeiter hinterher
betrogen und getäuscht fühlen: Als Bewerber hat
man gesagt, dass man unbedingt seine zwei Fremdsprachen
täglich nutzen will, und im Gespräch wurde das
eifrig bejaht. Und nun muss man alle drei Wochen einmal
ein englisches Telefongespräch verbinden und das war's!
- Es war von großer Kreativität und Eigenverantwortlichkeit
die Rede, tatsächlich geht es nur um Zuarbeiten und
Routine.
Seien
Sie realistisch: Wenn Sie die obigen Punkte beherzigen,
dann merken Sie schnell, ob ein Bewerber tatsächlich
überqualifiziert ist. Dann heißt es, auch offen
zu sagen, dass es das nicht bringt. Oder aber Sie haben
vielleicht eine andere Stelle, die passender ist und die
Sie dem tollen Bewerber anbieten möchten. Vielleicht
haben Sie momentan nichts, dann bringen Sie das zum Ausdruck
und vereinbaren Sie, dass Sie in Kontakt bleiben - wer weiß,
was die Zukunft auf beiden Seiten ergibt.
Fehler
# 7: Von Karotten und Lügen
In die
gleiche Kategorie wie das Aufblasen einer Position fallen
die bewusst falschen Versprechungen. Man weiß, dass
ein Bewerber eigentlich Karriere machen will, und stellt
eine Position als Sprungbrett dar - obwohl man gar kein
Interesse hat, Perspektiven zu bieten. Oder aber das Gehalt
wird anfangs absichtlich runtergehandelt, indem man nach
der Probezeit Erhöhungen verspricht, obwohl man das
nicht vorhat. Manche winken mit toller Weiterbildung, die
es dann gar nicht gibt.
Natürlich
kann ich so ein Verhalten mit diesem Artikel nicht verhindern,
wenn es gezielte Taktik ist. Aber an alle unter Ihnen, die
das bislang unbewusst gemacht oder die sich nichts dabei
gedacht haben, weil früher eingestellte Mitarbeiter
auch nichts mehr gesagt haben, als sie die Stelle schließlich
hatten (was übrigens nicht heißt, dass diese
nicht frustriert und verärgert darüber sind),
möchte ich appellieren, keine falschen Versprechungen
zu machen.
Am besten
bekommt man ein Gefühl für so ein Verhalten, wenn
man die Perspektive wechselt: Wie fände ich das, wenn
mir Dinge zugesagt werden, die dann im Sand verlaufen oder
nie wirklich ernst gemeint waren?
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