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Chef und Vorbildfunktion
  von Christine Öttl
 

Auch wenn sich Funktion und Aufgaben des Vorgesetzten in den letzten Jahrzehnten stark geändert haben, ist folgendes nach wie vor gültig: Chefsein bedeutet nicht nur, eine exponierte Stellung einzunehmen und "beobachtet" zu werden. Es bedeutet auch, dass man den Mitarbeitern als Orientierung dient und großen Einfluss auf sie hat - im Positiven wie auch im Negativen. Jeder Vorgesetzte sollte sich dessen bewusst sein und die Vorbildfunktion nutzen, um die Unternehmenskultur im positiven Sinne zu beeinflussen.

Das Phänomen, dass Menschen von anderen lernen und Verhaltensweisen, Überzeugungen und Kommunikationsmuster übernehmen, nennt sich "Lernen am Modell" oder "Beobachtungslernen" und wird von der Psychologie seit langem erforscht.

Als Vorbilder dienen vor allem Menschen, die bekannt, angesehen, erfolgreich, einflussreich und dergleichen sind. Egal ob Sie als Chef positive oder negative Verhaltensweisen vorleben: Das bleibt keineswegs ohne Folgen, sondern wird wahrgenommen und hinterlässt Spuren bei Ihren Mitarbeitern. Das wirkt sich zum einen auf Ihr Image als Vorgesetzter und zum anderen auf das Engagement, die Motivation, die Kooperation und das zwischenmenschliche Klima aus - Ihr Team spiegelt wider, wie Sie als Persönlichkeit und als Führungskraft sind und rüberkommen.

Es lohnt sich, näher hinzugucken und Ihr Team zu beleuchten, um dann Rückschlüsse auf sich selbst zu ziehen - und gegebenenfalls an sich zu arbeiten, um besser zu werden und Ihre Einflussmöglichkeiten konstruktiv zu nutzen.

Hier einige zentrale Bereiche, die Sie analysieren können:

 

Engagement und Interesse an der Arbeit

Wie viel Einsatz zeigen Ihre Mitarbeiter und mit wie viel Elan und Engagement sind sie bei der Sache? Gehen Ihre Leute mit viel Eigeninitiative an ihre Aufgaben heran oder müssen sie dazu aufgefordert und bei der Stange gehalten werden? Wie sieht es mit der Bereitschaft aus, bei Engpässen auszuhelfen oder Überstunden zu machen? Sehen Ihre Mitarbeiter von sich aus, was alles zu tun ist? Wie motiviert erledigen Ihre Leute ihren Job - wird oft gejammert oder läuft es meistens reibungslos?
Und nun zu Ihnen selbst: Wie viel Engagement und Einsatz leben Sie vor? Wie gehen Sie an Ihre eigenen Aufgaben heran? Wie denken und sprechen Sie darüber?

 

Kooperation und Teamgeist

Wie gut und reibungslos arbeiten Ihre Mitarbeiter zusammen? Wie sind Austausch und Kooperation mit anderen Teams/Abteilungen? Gucken Ihre Leute auch mal über den Tellerrand hinaus und bieten von sich aus Unterstützung an, wenn es bei einem Kollegen eng wird? Geben Ihre Leute rechtzeitig Bescheid, wenn sie in Zeitnot geraten und Hilfe brauchen?

Und Sie als Chef: Was verstehen Sie unter "guter Teamarbeit"? Was denken und wie reden Sie über andere Teams/Abteilungen? Was sagen und machen Sie, wenn es mal Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit gibt? Inwiefern sind Sie selbst ein "guter Teamplayer" - wie verhalten Sie sich selbst in Ihrem eigenen Team (z. B. Managementteam)?

 

Umgang mit Belastungen und stressigen Situationen

Was passiert, wenn es zu Engpässen kommt und Ihre Leute sehr viel zu tun haben? Wie souverän und ruhig bleiben sie - wie konstruktiv gehen sie mit der Situation um? Wird viel lamentiert und steigt die Fehlerquote an? Machen sich Ihre Leute Gedanken, um Lösungen zu finden und die schwierige Situation möglichst gut zu bewältigen? Welche Stimmung herrscht an solchen Tagen?

Beschäftigen Sie sich dann damit, wie Sie sich selbst in derartigen Situationen verhalten: Wie fühlen und geben Sie sich, wenn Sie unter Druck stehen? Welche Stressbewältigungsstrategien wenden Sie an - und wie gut gelingt Ihnen das? Welches Bild vermitteln Sie Ihren Leuten - was bekommen diese konkret mit, wenn Sie gestresst sind?

 

Umgangsformen

Wie gehen Ihre Leute miteinander um, wie offen gehen sie aufeinander zu? Grüßen sie sich und kommunizieren sie miteinander? Gibt es einen regelmäßigen Austausch über fachliche und auch persönliche Themen? Reden Ihre Leute miteinander, um Missverständnisse zu klären und Schwierigkeiten zu lösen? Wie gut ist das Betriebsklima?

Und zu Ihnen als Chef: Worauf legen Sie Wert und was leben Sie vor? Wie offen, freundlich und klar kommunizieren Sie selbst? Wie gehen Sie mit Ihren Leuten um - im Arbeitsalltag, in Meetings, in Mitarbeitergesprächen? Was machen Sie, wenn Sie etwas gut bzw. weniger gut finden?

 

Umgang mit Fehlern

Gelten Fehler in Ihrem Team als etwas, was einfach immer wieder passiert und womit man leben muss? Werden Fehler möglichst geheimgehalten und vertuscht? Oder werden sie angesprochen, um die Sache zu verbessern? Gehen Ihre Leute Fehlern auf den Grund, um sie in Zukunft zu vermeiden? Oder herrschen Schuldzuweisungen und Vorwürfe vor?

Wie sieht es bei Ihnen selbst als Chef aus: Wie gehen Sie mit Ihren eigenen Fehlern um? Was machen Sie, wenn Sie mal eine Fehlentscheidung getroffen oder sich einfach geirrt haben? Was machen Sie, wenn Ihre Mitarbeiter Fehler machen? Wie sprechen Sie Fehler und nicht so gute Leistungen an? Machen Sie Vorwürfe, sind Sie ärgerlich oder werden Sie laut - möglicherweise gar vor versammelter Mannschaft? Oder sind Sie zukunftsorientiert und regen dazu an, Lösungen zu finden und in Zukunft Fehler zu vermeiden?

 

Servicequalität und Kundenorientierung

Welche Meinung haben Ihre Mitarbeiter über die Kunden - wie wird über die Kunden geredet? Wie gehen Ihre Leute mit den Kunden um? Wie zufrieden sind Ihre Kunden mit der Qualität der Dienstleistung/des Produktes? Inwiefern sehen Sie hier Verbesserungs- und Schulungsbedarf?

Und dann zu Ihnen selbst: Welches Bild Ihrer Kunden haben und vermitteln Sie? Wie definieren Sie "hohe Servicequalität" und inwiefern leben Sie diese vor? Wie gehen Sie selbst mit Kunden um?

 

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Natürlich beschränkt sich Mitarbeiterführung keineswegs darauf, die gewünschten Verhaltensweisen einfach nur vorzuleben. Es gibt eine ganze Reihe von Führungstools - von klaren Zielen über geregelten Informationsfluss bis hin zu offener und klarer Kommunikation (die auch negatives Feedback beinhaltet), die von essenzieller Bedeutung sind. Aber wie Sie sich selbst verhalten und welche Werte Sie dadurch vermitteln, ist ein wichtiger Baustein - und bestimmt ganz wesentlich, wie viel Respekt und Vertrauen Ihre Mannschaft Ihnen entgegenbringt.

   
   
   
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