| Eine
Erfahrung, die ich in vielen Jahren Entscheidungs-Coachings
gemacht habe: Das größte Hindernis für die
meisten Entscheidungen ist, dass kein System in die Überlegungen
kommt: Man stürzt sich direkt auf mögliche Lösungen
oder überlegt sich, was andere Beteiligte einem geraten
haben, was man gelesen hat, wer wann worüber vielleicht
traurig oder zornig wäre, wenn man sich für Sache
X entscheiden würde - oder man ist ganz einfach selbst
etwas überfordert mit seinen Gedanken.
Nehmen
wir das Beispiel Gehaltserhöhung. Eigentlich denken
Sie, dass eine Erhöhung fällig wäre. Nun
rät man Ihnen in einem Internetforum aber ab ("Du
kannst froh sein, dass Du überhaupt einen Job hast.
In der heutigen Zeit kann man nicht auch noch mehr Gehalt
verlangen."). Sie wissen auch nicht so recht, was sie
überhaupt als Grund vorbringen sollten ... und schon
bei der Überlegung, den Chef um einen Termin zu bitten,
laufen die Gedanken Amok: Was ist, wenn der Chef verärgert
ist/mir Vorhaltungen macht/mich womöglich auslacht
und abblitzen lässt?
Viel
hilfreicher ist es, sich eine Art Checkliste für die
Entscheidungssituation zu machen.
Im ersten
Schritt also nicht schon die eigene Situation konkret zu
beleuchten, sondern die Bereiche festzulegen, die es zu
bedenken gilt. Das können Sie wunderbar mit einem Brainstorming
machen.
Um bei
unserem Beispiel zu bleiben: Sie würden sich aufschreiben,
welche Aspekte eine Rolle für Ihre Entscheidung spielen,
mit Ihrem Chef wegen einer Gehaltserhöhung zu sprechen:
- Ziel:
Was will ich überhaupt erreichen?
- Was
sind mögliche Unterziele oder Alternativen?
- Entscheidung:
Gespräch mit dem Chef
- Gründe:
Was spricht dafür, a) mich um eine Gehaltserhöhung
zu bemühen und b) mit dem Chef zu sprechen?
- Was
spricht dagegen, a) mehr Gehalt anzusprechen und b) jetzt
mit dem Chef darüber zu sprechen?
Wenn Sie so eine Systematik vorher festlegen (diese kann
sich natürlich von den Aspekten her verändern,
je nachdem, um welche Entscheidung es geht), dann können
Sie im nächsten Schritt viel systematischer vorgehen.
Vorsicht, Falle: Die meisten Menschen sind viel zu oberflächlich,
wenn sie über diese Fragen nachdenken. So könnte
man spontan so antworten:
- Ziel:
200 Euro mehr
- Gründe:
Ich bin schon lange in der Firma. Meine Lebenskosten sind
gestiegen. Die Firma soll mir zeigen, dass sie meine Leistung
anerkennt.
- Gründe
dagegen: Könnte sein, dass mein Chef sauer ist und
mir nicht mehr Geld gibt.
Wenn Sie sich jedoch ernsthaft mit Ihrer Entscheidung
auseinander setzen, wird die Angelegenheit sehr viel komplexer.
o Dann
bereiten Sie sich nämlich nicht nur intensiv darauf
vor, was Sie idealerweise erreichen möchten, sondern
haben auch einen "Plan B" vorbereitet (Alternativen
zur Ideal-Summe, was ist der Plan, wenn der Chef die Erhöhung
nicht bewilligt bzw. nicht bewilligen darf, welche Vereinbarung
möchten Sie alternativ treffen - die vielleicht gar
nicht unbedingt mit mehr Geld zu tun hat, Ihnen aber sehr
wichtig ist).
o Dann
beachten Sie auch, dass Ihre Gründe für eine Gehaltserhöhung
aus Sicht des Unternehmens/Ihres Chefs nicht unbedingt (gute)
Argumente sind, mehr Geld für Sie auszugeben.
o Außerdem
ist es wichtig, immer auch die dazu gehörenden Aspekte
mit einzubeziehen: Wie fühle ich mich (z. B. Angst
vor dem Chef/dessen Reaktion)? Was fehlt mir (vielleicht
ist es sogar mehr Anerkennung als Geld)?
Gehen Sie systematisch an solche Entscheidungen heran. Lassen
Sie alles zu, was Ihnen in den Sinn kommt. Aber denken Sie
bitte immer auch daran, Spekulationen als solche wahrzunehmen.
Wenn Sie also über mögliche Reaktionen des anderen
sinnieren, dann sind das reine Annahmen und keine Tatsachen.
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