| Im
letzten Tipp
ging es um Entscheidungen, bei denen andere betroffen sind.
Heute drehen wir den Spieß um. Was ist, wenn Sie selbst
von einer Entscheidung betroffen sind?
Eigentlich
wünscht sich doch jeder von anderen, dass diese konstruktives
Feedback geben und neben den eigenen Befindlichkeiten auch
unsere Bedürfnisse und Wünsche respektieren. Doch
wenn man selbst betroffen ist, sieht man, dass das gar nicht
immer so leicht ist.
Angenommen
einer Firma geht es wirtschaftlich so schlecht, dass sie
von der Pleite bedroht ist. Im Unternehmen arbeiten zehn
Festangestellte. Mit einem harten Sparkurs könnte die
Firma die Kurve kratzen und fortbestehen. Allerdings müssten
unter anderem vier Mitarbeiter entlassen werden.
- Ist
man überhaupt nicht betroffen, würde man als Außenstehender
wohl die Entlassung befürworten. Immerhin könnte
das Unternehmen weiterbestehen und sechs Arbeitsplätze
erhalten bleiben. Wird nichts dergleichen gemacht und geht
die Firma den Bach runter, verlieren alle zehn Mitarbeiter
ihre Stelle.
- Ist
man einer der Mitarbeiter, der seine Stelle behalten könnte,
wird man auch dafür sein, dass der eigene Arbeitsplatz
fortbestehen kann. Natürlich heißt das nicht,
dass man mit der Maßnahme einverstanden ist oder sich
nicht auch ganz schrecklich fühlt, wenn Kollegen gekündigt
würde.
- Ist
man einer der Mitarbeiter, der eine Kündigung erhält,
wird man die Situation natürlich anders betrachten.
Selbst wenn man rein sachlich nachvollziehen kann, dass
es sinnvoll ist, die Firma mit weniger Mitarbeitern und
drastischen Sparmaßnahmen zu retten anstatt sie zu
schließen, wird man angesichts der Bedrohung des eigenen
Arbeitsplatzes die Sache anders beurteilen oder gar auf
die Barrikaden gehen, ganz einfach, weil man die eigene
Situation handlen muss.
Nicht immer sind die Entscheidungen so drastisch. Dennoch
habe ich dieses Einstiegsbeispiel ganz bewusst gewählt.
Man kann mit solchen eindeutigen Beispielen oft sehr viel
besser die eigene Haltung ergründen.
Im
Alltag haben wir es meist mit Entscheidungen zu tun, die
"leisere Zwischentöne" und Befindlichkeiten
ansprechen. Diese führen leider oft dazu, dass
man nur auf eigene Bedürfnisse achtet ... oder diese
missachtet.
Stellen Sie sich vor, Ihre Lebensgefährtin möchte
gerne einen Tanzkurs besuchen. Da Sie selbst ein Tanzmuffel
sind, haben Sie keine Lust. Ihre Freundin entscheidet sich
schließlich, sich alleine anzumelden, und fragt Sie
um Ihre Meinung dazu.
Eigentlich könnten Sie froh sein: Ihre Freundin mag
tanzen. Sie akzeptiert, dass Sie keine Lust dazu haben,
sucht nach einer Lösung und will Ihr Okay zu ihrer
Entscheidung.
Jetzt kommen natürlich Ihre Befindlichkeiten ins Spiel:
- Bin
ich damit einverstanden, dass meine Freundin ein oder zweimal
die Woche abends weg ist?
- Was
ist, wenn sie sich einen neuen Freundeskreis aufbaut und
das Tanzen mehr und mehr Raum einnimmt?
- Wie
steht es um Eifersucht? Stört mich der Gedanke, dass
meine Freundin mit anderen Männern tanzt, vielleicht
sogar dort jemanden kennen lernt, der sie mir abspenstig
machen könnte?
- Will
ich alle Freizeitaktivitäten nur gemeinsam ausüben
und würde mich nicht wohl fühlen, wenn ich "außen
vor" bleibe?
- Je
nachdem, wie es um die Beziehung steht, könnte auch
die Befürchtung im Raum stehen, dass die Freundin plötzlich
neue Impulse - fern des bisherigen Alltags - findet und
sich "emanzipiert", indem sie sich eigene Freiräume
und Hobbies sucht, vielleicht durch's Tanzen ihr Selbstbewusstsein
steigert?
Das sind nur einige Gedanken, die einem in so einer Situation
durch den Kopf schießen. Und wenn man zu schnell
antwortet anstatt zu reflektieren, worum es einem geht,
dann passiert es auch schnell, dass man sein "Mitspracherecht"
nicht überlegt wahrnimmt.
Vielleicht,
indem unser Beispiel-Mann prompt und brummelig dagegen ist,
die beleidigte Leberwurst spielt oder gar seiner Freundin
verbietet, alleine den Tanzkurs zu machen.
Vielleicht
aber auch, indem er betont locker tut, weil er sich keine
Blöße geben will oder sich nicht anzusprechen
traut, dass er Bedenken oder Angst hat - und denkt, er müsste
auf jeden Fall zustimmen und so tun, als ob alles okay wäre.
In beiden
Fällen wäre die Reaktion sehr unüberlegt.
Einmal würden die Wünsche und Bedürfnisse
der Freundin unter den Tisch fallen, einmal seine.
Was
also tun?
Wann
immer die Entscheidung eines anderen Sie mitbetrifft, sollten
Sie sich etwas Zeit nehmen. An anderer Stelle haben
wir es schon mal betont: Die wenigsten Entscheidungen sind
so dringend, dass sie von jetzt auf plötzlich getroffen
werden müssen. Das gilt analog für Ihr "Mitspracherecht".
Die beste Reaktion, wenn Sie von einer Entscheidung betroffen
sind, ist:
1. Erstmal
Näheres herausfinden (Wer will was und warum?)
2. Inwiefern
sind Sie selbst tatsächlich betroffen? (Welche Wünsche
und Bedürfnisse werden aus Ihrer Warte berührt
und in welcher Weise)?
Am besten
schreiben Sie sich Ihre Gedanken dazu auf. Im nächsten
Schritt trennen Sie:
3. Welche
einzelnen Aspekte ergeben sich aus Punkt 1 und 2?
So sieht unser Beispielmann vielleicht, dass die Freundin
Spaß am Tanzen hat und ist froh, wenn sie dies realisiert.
Gleichzeitig kann er ein Riesenproblem damit haben, weil
er schlichtweg eifersüchtig ist.
Wenn Sie sich differenziert mit der Entscheidung und Ihren
Befindlichkeiten dazu auseinander gesetzt haben, können
Sie diese der anderen Person ganz anders deutlich machen.
Das gilt für Situationen in Ihrem Privatleben übrigens
ganz genauso wie im Beruf mit Chef und Kollegen.
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