| Kürzlich
in der U-Bahn: Der Zug fährt ein und endet außerplanmäßig
an dieser Haltestelle. Eine Durchsage des Zugführers
fordert alle Fahrgäste zum Aussteigen auf. Während
sich der Zug leert, bleibt ein Mann in seine Zeitung versunken
auf seinem Platz sitzen und macht keine Anstalten auszusteigen.
Vom
Bahnsteig aus beobachte ich, wie die Leute, die die U-Bahn
verlassen, und auch welche, die auf dem Bahnsteig stehen,
den Mann neugierig beobachten. Noch einmal die Durchsage
des Zugführers - und wieder bemerkt der lesende Mann
nichts. Und noch immer gibt ihm niemand drum herum Bescheid.
Als ich an das Fenster klopfe, springt er dankbar aus dem
Zug und nun reagieren auch einige Leute am Bahnsteig.
Warum
hat ihn niemand informiert, wo doch zahlreiche Leute bemerkt
haben, dass der Mann ganz offensichtlich nichts mitbekommen
hatte und, wenn es dumm gelaufen wäre, mit der U-Bahn
eingerückt wäre?
Das
gab mir zu denken: Wie ist es denn mit den alltäglichen
Entscheidungen dieser Art? - Wie oft bemerken wir etwas
und entscheiden uns dafür, nichts zu tun.
Reden
wir noch nicht einmal von brenzligen Situationen, die Zivilcourage
erfordern, sondern bleiben wir beim ganz banalen Alltag:
- Sie
stehen auf der Rolltreppe und sehen, dass der Rucksack der
Person vor Ihnen offen steht.
- Sie
bemerken, dass eine Person ihre Bluse irrtümlich falsch
geknöpft hat.
- Jemand
steht im Bus auf und auf dem Sitz liegt ein Regenschirm
oder eine Mütze. Sie wissen nicht genau, ob er/sie
wirklich dieser Person gehört.
- Sie
hören, wie jemandem auf der Straße ein Weg erklärt
wird, bekommen jedoch mit, dass die Beschreibung falsch
ist.
- Im
Zug ist jemand fest eingeschlafen. Sie glauben, gehört
zu haben, dass die Person am aktuellen Bahnhof aussteigen
will, sind aber nicht ganz sicher.
- Auf
einer Bank sitzt jemand in sich zusammengesunken, dem es
nicht gut geht oder der schläft - könnte ohnmächtig,
könnte aber auch einfach nur betrunken sein.
Das sind Situationen, die Ihnen so oder so ähnlich
sicher öfter begegnen. Es wäre ein Leichtes, die
andere Person einfach kurz aufmerksam zu machen - und dennoch
entscheiden sich viele, ich behaupte sogar: die meisten
Menschen dafür, nichts zu sagen. Sich nicht "einzumischen".
Die Ausrede, die man vor sich und anderen oft benützt,
dass man es gar nicht "mitbekommen" hat, gilt
nicht. Denn natürlich waren Sie aufmerksam genug, es
zu bemerken - sonst würden Ihnen jetzt keine Gelegenheiten
dieser Art einfallen.
Drehen wir mal wieder den Spieß um: Wenn Sie die betroffene
Person wären, würden Sie sich doch ganz sicher
wünschen, dass man Sie aufmerksam darauf macht, dass
etwas an Ihrer Kleidung nicht okay ist, dass Sie vielleicht
etwas liegen gelassen haben, dass Ihnen gerade eine falsche
Auskunft gegeben wird, dass Ihre Tasche offensteht - oder
einfach jemand, der sich um Ihr Wohlbefinden sorgt. Denn
es könnte ja tatsächlich sein, dass Sie unterwegs
umkippen.
Denken
Sie auch schon die ganze Zeit daran, dass häufig beklagt
wird, wir wären eine "Wegschau-Gesellschaft"?
- Dann packen Sie sich bitte hier und jetzt mal kräftig
an der eigenen Nase. Wegschauen bezieht sich nicht nur auf
krasse Fälle von Gewalt oder Missständen. Es geht
im Alltag los.
Und unser tägliches Verhalten beeinflusst natürlich
auch unsere grundlegenden Entscheidungsfähigkeiten.
Gehören
Sie zu den Menschen, die sich eher dafür entscheiden,
in solchen Fällen nichts zu tun, weil "es bestimmt
ein anderer tun wird", "es ja nicht so schlimm
ist", "vielleicht ja gar nicht so zutrifft, wie
ich denke (vielleicht hat jemand den Rucksack ja absichtlich
offen gelassen, weil nichts Wertvolles drin ist)",
dann fragen Sie sich, warum Sie nicht aktiv werden.
Geben
Sie sich einen Ruck! Gerade in solchen banalen Alltagssituationen
können Sie nur gewinnen: Sie zeigen, wie aufmerksam
Sie sind, und punkten mit Hilfsbereitschaft. Außerdem
werden Sie sich noch dazu sehr gut fühlen!
Ihre
Entscheidungsfähigkeiten profitieren auch davon: Denn
eine Situation zu erkennen und aktiv zu werden, ist eine
positive Angewohnheit, die Ihnen auch in allen anderen Entscheidungssituationen
hilft. - Genauso wie Passivität und Rückzug ebenfalls
grundlegende Spuren in Ihren Entscheidungsmustern hinterlassen.
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