| "Hätte
ich doch damals nur mein Studium durchgezogen" ... "Wenn
ich damals X geheiratet hätte, wäre mein Leben viel
besser gelaufen" ... "Wäre ich doch damals
mutig genug gewesen, den Auslandsjob anzunehmen." ...
"Hätte ich damals bloß angefangen zu sparen,
dann hätte ich jetzt was auf der hohen Kante." ...
Na,
haben Sie auch Ihre Hätt-ich-Nurs?
Dann willkommen im Club. Jeder Mensch hat wohl den einen
oder anderen Scheideweg in seiner Biographie, bei dem im
Nachhinein die Frage auftaucht, wie alles verlaufen wäre,
wenn er sich damals anders entschieden hätte. Und da
ist auch gar nichts Schlimmes dran, sofern es nicht in Hadern
ausartet.
Den Blick in die Kristallkugel gibt es leider nicht.
Darum
können wir uns zwar intensiv mit Fakten und Überlegungen
auseinander setzen, um darauf basierend eine für uns
möglichst richtige Entscheidung zu treffen. Letztlich
bedeutet eine Entscheidung immer ein Abwägen vieler
kleiner Puzzleteilchen, die - auch bei kleineren Entscheidungen
- ganz schön komplex werden können.
Die "umgekehrte Kristallkugel" gibt es allerdings
schon: Wenn wir zurückblicken, vergessen wir häufig,
- dass
wir nun den exakten Verlauf der Dinge kennen
- dass
man insbesondere dann mit sich und Entscheidungen hadert,
wenn man in einer aktuellen Situation unzufrieden ist
- dass
die jetzige Situation in ihrem Ganzen niemals ausschließlich
von dieser einen Entscheidung abhängig ist!
- dass
wir selbst jetzt eine andere Person sind und auch andere
Sichtweisen haben
Wichtig: "Heute eine andere Person mit einer anderen
Sichtweise zu sein" bezieht sich keineswegs nur auf
die entfernte Vergangenheit. Dass man mit Anfang 20 sicherlich
ein anderer Mensch mit anderen Prioritäten ist als
mit 35, ist ja ziemlich einleuchtend. - Aber es kann auch
sein, dass Sie heute eine ganz andere Sichtweise haben als
noch letzten Mittwoch und anders entscheiden würden:
weil Sie inzwischen neue Eindrücke gewonnen und Fakten
kennen gelernt haben, oder einfach in einem anderen Gemütszustand
sind.
Ein
banales Beispiel: Manchmal bekomme ich einen Rappel und
mache etwas voller Begeisterung und spontan - Juhui, ich
könnte ja einen Tanzkurs machen ... da füll ich
doch sofort die Anmeldung aus und schick sie übers
Internet ab. Einige Tage später trifft mich dann der
Schlag: Was hab ich getan?
Was
für eine so einfache Alltagssituation gilt, gilt natürlich
erst recht für große oder sogar lebensprägende
Entscheidungen: Es kann sein, dass man sie im Rückblick
ganz anders bewertet als in der Situation selbst und denkt,
einen Fehler gemacht zu haben. Dann gilt es aufzupassen!
Denn wenn das Hätte-würde-wäre-wenn darauf
hinausläuft, sich selbst niederzumachen oder sich ständig
wieder vor Augen zu führen, dass man damals falsch
entschieden hat, dann ist man nicht nur unfair mit sich
selbst, sondern
- bremst
sich auch in der Gegenwart aus
- versagt
sich die Möglichkeit, aus Erkenntnissen zu lernen
- geht
mit der aktuellen Situationen nicht um, sondern versteift
sich lediglich darauf, einen Sündenbock zu finden (die
"falschen" Entscheidungen oder sich selbst)
- lähmt
seine Entscheidungsfähigkeit in der Zukunft (man hat
ja schon bewiesen, dass man zu "fatalen" Entscheidungen
fähig ist)
Gehen Sie konstruktiv mit sich um!
Sich
konstruktiv zu fragen, wie es wohl anders gewesen wäre,
birgt einen großen Lerneffekt:
- Sie
reflektieren über sich und Ihren Lebensweg.
- Bei
differenziertem Hinsehen erkennen Sie, dass Sie damals vielleicht
eine ganz andere Sicht der Dinge hatten, als Sie das heute
tun. Was hat sich inzwischen verändert? Vor allen Dingen:
Wie haben Sie sich persönlich weiterentwickelt?
Wenn man etwas im Nachhinein als falsche Entscheidung wertet
und beispielsweise bereut, eine Chance nicht wahrgenommen
zu haben, birgt das konstruktive Auseinandersetzen damit
die Gelegenheit, daran zu wachsen: Beispielsweise indem
man erkennt, dass es die 100%ige Garantie im Leben nicht
gibt und es daher manchmal auch etwas Risikofreude braucht.
Sie erkennen so, woran es sich lohnt, zu arbeiten.
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